Die beiden abendlichen Informations-Neuerungen im deutschen Fernsehen, Tagesthemen und heute-journal sind just hundert Tage alt. Nach Maßstäben, die in der Politik gelten, wäre die Schonfrist damit verstrichen. Zwar wurden die TV-Innovationen seit der ersten Stunde von der Kritik alles andere als verschont – mit Recht, denn vor dem Start gab es ja schon mindestens hundert Tage der redaktionellen Vorbereitung –, aber immerhin: Wie stellen sich heute die beiden Sendungen dar, die doch längst aus den Kinderschuhen heraus sein müßten?

Zunächst; Die Kinderschuhe scheinen zu dauerhaftem Schuhwerk zu geraten. Den kühnen Anspruch jedenfalls, Hintergründe und Zusammenhänge der Tagesereignisse zu verdeutlichen, haben beide Redaktionen nicht erfüllt. Das ist nicht ihre Schuld allein; sie stehen unter den Zwängen ihrer jeweiligen Systeme, Wobei es die ZDF-Mannen leichter haben als ihre Konkurrenten vom anderen Kanal.

Das fängt schon bei der Sendezeit an. Während die Tagesthemen zur Schlummerstunde ausgestrahlt werden, ist das heute-journal zum Abend-Zenit angesiedelt. Das schlägt sich natürlich in den Einschaltquoten nieder. Das heute-journal erreicht im Durchschnitt so um die zwanzig Prozent der Fernsehhaushalte, während sich die Tagesthemen mit dreizehn Prozent begnügen müssen. Fairerweise sei gesagt, daß die Zahl immer, noch um einige Prozent über der Durchschnittsquote der alten Tagesschau-Spätausgabe liegt.

Ein weiterer Vorteil des ZDF liegt in der Zentralisierung. Und diesen Vorteil weiß Karl-Heinz Rudolph, der selbstbewußt-arrogante, aber tüchtige heute-Boß auch weidlich auszunutzen. Entscheidungen fallen schnell, das Themenangebot wird in einer Redaktion zusammengestellt. Nachteil des ZDF: Es hat nicht so viele gute journalistische "Macher" wie die riesige ARD.

Aber was nützt der Redaktion von Tagesthemen das eindrucksvolle journalistische Potential der ARD, wenn es über alle Lande und Länder: verstreut ist und nicht durch schnelle Aufträge aus Hamburg verfügbar gemacht werden kann. Der föderative Aufbau der ARD, dessen regionale Vielfalt vor allem von eigensüchtigen Landespolitikern stets so gepriesen wird, ist in seiner Schwerfälligkeit für die Redaktion in Hamburg eher eine Belastung. Von dieser Redaktion, die nach einem strengen Proporz-System von den Landesrundfunkanstalten mühsam zusammengequält wurde, wird heute von den Heerscharen der ARD-Oberen – Intendanten, Direktoren, Chefredakteuren (ganz zu schweigen von den Aufsichtsgremien) – erwartet, daß sie eine hochqualifizierte Sendung liefern. Und um ihr dabei zu helfen, spucken ihr alle in die Suppe.

Auch ihre Sendezeit und Sendelänge hat sich die Hamburger Redaktion schließlich nicht selber ausgesucht. Besser als 22.30 Uhr wäre gewiß 22.00 Uhr. Aber da die höchsten Programm-Ingenieure der ARD auf dem abendlichen Sendebeginn um 20.00 Uhr beharren, läßt sich ein sinnvoll gemischtes Haupt-Abendprogramm vor 22.30 Uhr nicht beenden. Auch der Wunsch der TT-Redaktion, lieber fünf Minuten kurzer zu sein, muß zwangsläufig unberücksichtigt bleiben: Ungerade Zeiteinheiten stören die Ordnung. Abzuwarten bleibt, ob sich im flexibleren Betrieb des ZDF der Wunsch der journal/-Redaktion, fünf Minuten länger zu werden, erfüllen läßt.

Nach der sogenannten Verwaltungsvereinbarung, die die Bestandteile der ARD untereinander eingegangen sind, soll TT nichts anderes sein, als ein täglicher Topf, der von den Anstalten nach Belieben gefüllt wird. Gegen diese Konzeption, die in Wahrheit das Gegenteil einer journalistischen Konzeption ist, kämpfen in Hamburg mannhaft die zwei TT-Vorsteher; Dieter Gütt, der sich, trotz selbstverordneter Bildschirm-Abstinenz, zuweilen immer noch als kochender Vulkan vorführt, zumal bei den täglichen Schaltkonferenzen der Chefredakteure. Und zweitens Klaus Stephan, auch er ein gelernter Choleriker mit neuerdings gedämpften Eruptionen. Ihm ist, im fernen Norden, deutlich anzumerken, daß ihm – anders als in Report-Tagen – das Münchner CSU-Feuer nicht mehr jenes Sitzfleisch versengt, das nun einmal die Haftung an den Chefsessel haben muß.