In Kopenhagen wurde eine neue Gemeinschaftsstrategie entworfen

Von Rudolf Herlt

Seit es Gipfeltreffen der europäischen Staats- und Regierungschefs gibt, achtet der französische Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing peinlich darauf, daß er beim Eröffnungslunch als letzter erscheint. Beim Treffen in Kopenhagen hätte Helmut Schmidt wegen einer Verspätung seiner Maschine eigentlich als letzter erscheinen müssen. Aber Giscard hatte davon erfahren und zögerte sein Erscheinen so lange hinaus, bis er sicher war, wieder der letzte zu sein.

Abgesehen von solch kleinen aristokratischen Unterscheidungsbedürfnissen verkehren die Regierungschefs zwanglos miteinander, beinahe familiär. Bis auf den holländischen Ministerpräsidenten Dries van Agt, der zum erstenmal dabei war, kennen sich alle schon lange. Sie reden sich mit Vornamen an: Helmut, Valéry, Jim, Gaston ... Die meisten Regierungschefs bedienen sich der englischen Sprache, die allerdings, wie der belgische Premierminister Leo Tindemans beobachtet hat, nur der britische Premier James (Jim) Callaghan und Kommissionspräsident Roy Jenkins wirklich perfekt beherrschen. Helmut Schmidt soll gelegentlich ins Deutsche fallen und Giulio Andreotti, der Italiener, spricht überhaupt kein Englisch. Bei den offiziellen Gesprächen sind natürlich Dolmetscher dabei, die alles in die Muttersprache der Chefs übersetzen.

Am Abend des 7. April trafen sich die Chefs in der Abgeschiedenheit des Schlosses Marienborg ohne Außenminister, ohne Beamte und ohne Dolmetscher zu einem informellen Abendessen. Nur Andreotti brachte seinen Übersetzer mit. Kurz nach Mitternacht erst gingen sie auseinander. Zu diesem Zeitpunkt war jedem Beteiligten klar, daß diese fünf Stunden die entscheidenden des Kopenhagener Gipfels waren.

Um den Inhalt der Gespräche wurde eine Mauer des Schweigens aufgebaut. Fast alle Teilnehmer an diesem längsten Gespräch, das je europäische Regierungschefs ohne ihre Berater geführt haben, sind noch in der Nacht zu "ihren" Journalisten gegangen, die in den jeweiligen Hotels auf Informationen warteten. Auch Helmut Schmidt stellte sich in bester Laune den deutschen Journalisten.

Aber es wäre eine Übertreibung zu behaupten, sie hätten hinterher genau gewußt, was in Marienborg verhandelt wurde. Schmidt verfuhr nach dem Rezept eines Vaters, der seine heranwachsenden Kinder über Sex aufklären will und ihnen nur belanglose Andeutungen macht, die sich aber, wenn die Kinder später einmal alles wissen, so nahtlos in das Bild einfügen, daß der Vater nicht als Lügner dasteht. Kinder wissen allerdings oft schon vorher alles. In dieser glücklichen Lage waren die Journalisten in Kopenhagen nicht. Sie mußten viele Quellen anzapfen und die Mosaiksteinchen zusammensetzen.