Das Schicksal der Tschechen und Slowaken heißt seit jeher: erdulden, sich fügen, ihre Träume und Überzeugungen dem Zwang der jeweiligen Vormacht opfern. Österreicher, Deutsche, Russen – alle haben sie in ihre Botmäßigkeit gezwungen. Mit dem Leben sind sie meist davongekommen, mit ihren Ideen selten.

Gustav Husák, dem nach dem Prager Frühling von 1968 die traurige Aufgabe zufiel, das Land wieder ins sowjetische Joch zurückzuführen (eine Aufgabe, der er sich mit schändlichem Eifer verschrieb), war in dieser Woche Staatsgast der Bundesrepublik – der unwillkommenste Staatsgast sicherlich, den Bonn jemals empfangen hat. Aber Realpolitik ist Realpolitik, Protokoll ist Protokoll, Geschäft ist Geschäft. Was Geisel recht ist, muß Husák billig sein; schließlich war ja auch Breschnjew schon da und mancher blutrünstige Diktator aus jungen Staaten. Zuweilen bleibt einem da keine Wahl, und in die Ehrung des unheimlichen Gastes läßt sich allemal eine Verbeugung vor seinem unterdrückten Volk schmuggeln.

Bloß: mögen müssen wir derlei Zwangsgäste noch lange nicht. Protestaktionen sind in solchen Fällen durchaus angebracht. Husák bleibt der Mann, der auf Geheiß der Russen dem "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" den Garaus gemacht hat; der die drei freien R’s – Reden, Reisen, Rechtlichkeit – für seine Landsleute nach dem Freiheitsrausch von 1968 wieder abschaffte; der die kritische Intelligenz seines Volkes brutal verfolgt, ins Gefängnis bringt oder mindestens doch außer Brot. Bei allem Respekt vor Politik und Protokoll: Solche Staatsgäste sieht man lieber gehen als kommen. Th. S.