Von Julius H. Schoeps

Der Kampf um die Emanzipation der Juden in Deutschland ist Problem- und konfliktreich gewesen. Schlagartig hat sich die rechtliche, politische, gesellschaftliche und kulturelle Gleichstellung der Juden im 19. Jahrhundert, nicht vollzogen. Es war ein langwieriger Prozeß, der nur bedingt zu einer Annäherung der Juden an die christlich-deutsche Bevölkerung führte. Erschwert wurde die angestrebte Gleichstellung vor allem dadurch, daß erhebliche historisch-politische, sozio-ökonomische, nationale und insbesondere religiöse Schranken vorhanden waren, die einer Akkulturation der Juden in die deutsche Gesellschaft entgegenstanden. Für den Zeitraum zwischen dem Vormärz und der Reichsgründung, die als die eigentliche Formationsperiode des deutschen Judentums bezeichnet wird, hat jetzt der israelische Historiker

Jacob Toury: "Soziale und politische Geschichte der Juden in Deutschland 1847 bis 1871. Zwischen Revolution, Reaktion und Emanzipation"; Droste Verlag, Düsseldorf 1977; 411 Seiten, 78,– DM

eine Veröffentlichung vorgelegt, in der sowohl die demographische und wirtschaftlich-soziale Entwicklung der Juden, wie auch ihre Bestrebungen nach kultureller Integration in Deutschland behandelt werden.

Bis 1848 hatte kaum ein Staat des Deutschen Bundes die volle gesetzlich verankerte Emanzipation der Juden verwirklicht. Hardenbergs berühmte Formel (Gleiche Pflichten – gleiche Rechte) wurde zwar im Prinzip anerkannt, aber selbst im Revolutionsjahr in den meisten deutschen Staaten auf die Juden nicht angewandt. Vorhandene Hoffnungen wurden bitter enttäuscht. Das "Reaktionsjahrzehnt", das der 48er-Revolution folgte, beendete den "Emanzipationsspuk". Erste Anzeichen eines Umschwungs in der allgemeinen Haltung zur "Judenfrage" sind erst mit dem Beginn der "Neuen Ära" festzustellen. Freilich war es dann nicht der revolutionär auftretende Radikal-Liberalismus der Jahre 1848/49, sondern der staatenreformierende und staatsgründende (National-)Liberalismus, der auf dem Hintergrund eine? expansiven, freihändlerischen und freikonkurrierenden Wirtschaftsdenkens und -schaffens die staatsbürgerliche Gleichstellung der Juden im "Norddeutschen Bund" und im "Deutschen Reich" von 1871 herbeiführte.

Vor einigen Jahren hat der Religionsphilosoph und -hxstoriker Gershom Scholem die These vertreten, es habe nie eine deutsch-jüdische Symbiose, immer nur einen sehr einseitigen jüdischdeutschen Dialog gegeben. Die Unbefangenheit wirklicher Humanität, den Juden als Juden gelten zu lassen, hätten nur wenige Deutsche gehabt. Die Untersuchungen von Toury unterstreichen indirekt diese These, wenn er nachweist, daß es sich bei der Emanzipationsgesetzgebung in den meisten deutschen Staaten lediglich um die Gewährung individueller Staatsbürgerrechte gehandelt habe – einer Politik also, die dem Menschen, aber nicht den Juden emanzipieren wollte. Seit den Anfängen der Emanzipationsgesetzgebung zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte sich an dieser Politik wenig geändert. Bereits in der Emanzipationsdebatte der französischen Nationalversammlung im Dezember 1789 hatte diese Politik den beredten Ausdruck in dem vielzitierten Satz gefunden: "Den Juden als Individuen alles, den Juden als Nation nichts."

Seit dem Vormärz hat sich trotz der vielfältigen Widerstände ein allmählicher Angleichungsprozeß der Juden an die christlich-deutsche Umwelt vollzogen. Toury nennt hierfür: eine ganze Reihe von maßgeblichen Faktoren, so den Eintritt der Juden in das Bürgertum, den damit verbundenen wirtschaftlichen Aufstieg in Groß- und Mittelstädten, den Anstieg "ordentlicher" kaufmännischer sowie akademischer Berufe unter den Juden, Schrittmacherfunktionen der Juden im Neuland der wirtschaftlichen Umwälzungen und Entwicklungen. Diese und andere Faktoren waren es, die die wirtschaftlich-soziale Integration vorantrieben, den Assimilationsprozeß der Juden in Deutschland beschleunigten. Einschränkend bemerkt Toury, daß der sozialen Integration häufig gesellschaftliche Grenzen gesetzt waren. Typisch ist ein Bericht der "Breslauer Morgenzeitung" von 1870 über einen Ball der Breslauer Kaufmannschaft: "Unsere christlichen und jüdischen Kaufleute haben zusammen marchandiert, discontiert, diniert, soupiert, smoliert, sie haben sich sogar spousiert, aber niemals miteinander getanzt. Ist das nicht höchst merkwürdig? ..."