Arzt für psychisch Kranke: Das Protokoll eines Arbeitstages in einer geschlossenen Anstalt

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Heute ist Freitag. Um 8.15 Uhr beginnt der Dienst im Krankenhaus mit der morgendlichen Konferenz von Ärzten, Psychologen und Sozialarbeitern. Eine Sozialarbeiterin berichtet, daß ein 74jähriger Patient, den wir vor einem knappen Jahr in einem Altenheim unterbringen konnten, gestern abend dort unruhig und aggressiv wurde. Das Altenheim wollte oder konnte sich keine große Mühe mit ihm geben und hat den Patienten zu uns zurückverlegt. – Weiter ist nichts heute. Ich gehe hinüber zu meiner Station.

"Meine Station", das ist die geschlossene Aufnahmestation für psychisch akut kranke Männer. Oft spöttisch Bretterbude genannt, da die häufig zerschlagenen Fensterscheiben zunächst immer mit Brettern wieder verschlossen werden. Die erste Frage ist immer die nach den Neuaufnahmen in der Nacht. In der Tat: Es ist der alte Mann, über den die Sozialarbeiterin berichtet hatte. Die Schwestern und Pfleger erzählen, daß die Nacht unruhig war. Herr Ramus*) hatte ständig irgendwelche fixen Ideen, die er partout durchsetzen wollte. Er wollte in die Stadt, er wollte ein Auto kaufen. Er wollte zu seinem Hausarzt. Er wollte eine neue Wohnung beziehen. Er wollte spazieren gehen. Er wollte essen gehen. Das waren alles Einfälle, um hinauszukommen. Es hatte dann Händel gegeben, weil sich die anderen Patienten, die alle in einem großen offenen Saal schlafen, belästigt fühlten. Herr Ramus hatte einem Patienten, der ihn zur Ruhe ermahnte, auf die Nase geschlagen. Der zweite Sorgenfall in der Nacht war Herr Braun. Gestern abend wurde er plötzlich so steif, daß er nicht mehr in der Lage war, selbständig zu essen.

Bei der morgendlichen Kaffeerunde mit allen Schwestern und Pflegern erzähle ich kurz von meinen Bemühungen, bei der Verwaltung endlich Gardinen für die Patientenzimmer zu bekommen; sonderlich hoffnungsvoll klang man dort nicht. Dann sprechen wir kurz über die Stationsversammlung, die von 9 bis 10 Uhr stattfindet. Die Neuaufnahmen von gestern und heute nacht müssen vorgestellt werden. Gestern waren es tagsüber vier, heute nacht eine. Die Patienten sollen sich wenigstens mit Namen kennen. Der Veranstaltungskalender des Krankenhauses für die nächsten Wochen muß verlesen werden. Am nächsten Mittwoch wird es eine Besichtigungsfahrt in eine Teppichfabrik geben. Wir fürchten aber, daß unsere chronischen Patienten, die sich seit Monaten bei uns befinden, und denen solche Unternehmungen am meisten gut tun, wenig Interesse an einem solchen Ausflug haben. Die jahrelange Existenz in der Anstalt hat ihren Antrieb erlahmen lassen. Wir werden sie sehr drängen müssen. Die Beschäftigungstherapeutin berichtet schließlich, daß sie mit den Patienten in dieser Woche Aschenbecher für den Tagesraum und Brotkörbchen für den Eßraum gemacht hat. Brotkörbchen sind ein bisher unbekannter Luxus. Die Aschenbecher der Station hat ein Patient vor kurzem alle fortgeworfen. Ein nachfühlbarer Protest dagegen, daß er keinen Ausgang hatte, sich wochenlang in der rauchigen Luft unserer Station aufhalten mußte. (Eine Entlüftung haben wir nämlich nicht, obwohl alle Fenster nur einen Spalt breit geöffnet werden können, damit niemand hinaus kann.)

Quälender Bewegungsdrang

Während wir noch reden, kommen immer wieder Patienten herein, weil sie sich ausgeschlossen fühlen. Dann gehen wir in den großen Tagesraum zur Stationsversammlung. Herr Winter, vor einer Woche zu diesem Amt gewählt, leitet die Sitzung. Er fordert die Neuen auf, sich vorzustellen. Dann werden die persönlichen Wünsche notiert. Herr Abel will weniger Medikamente. Er beklagt sich über die unerträgliche Unruhe, besonders in den Beinen, die er auf die Medikamente zurückführt. Er hat recht. Die Psychopharmaka, die wir verordnen, beruhigen zwar die Psyche, führen aber gelegentlich zu einem quälenden Bewegungsdrang. Einmal erzählte mir die Ehefrau eines Patienten, daß sie ihrem’ Mann die Medikamente weggenommen hatte, weil er die Beine so unablässig hin und her bewegen mußte, daß er vor dem Fernsehsessel den Teppich durchgescheuert hatte. Herr Dietrich will Ausgang, Herr Leicht entlassen werden. Herr Binsen geht in die Mitte des Raumes, macht Turnübungen, damit er Beachtung findet.