Von Thomas von Randow

Portsall, im April

Sie sollten hier nicht tanken, Monsieur", raunte mir der junge Mann zu, der mich kurz vor der Auffahrt zur Tankstelle angehalten hatte, "es ist Shell", fuhr er fort, "Sie wissen doch, marée noire."

Ich hatte mich bei dieser Shell-Tankstelle nur nach dem Weg erkundigen wollen, aber nun tat ich auch das vorsichtshalber nicht mehr. Bald stellte sich heraus, daß es gar nicht notwendig war. Die Straße führte zu meinem Ziel nach Portsall, dem kleinen Fischereihafen an der bretonischen Küste, der jetzt in aller Munde ist.

Der Hafen bot ein trostloses Bild. Überall Militär, überall schmutzige Tankwagen auf den Straßen, und das Hafenbecken, während der Ebbe wasserlos, überzogen mit einer dunkelbraunen Schmiere. Kein Boot kann auslaufen. Die Fischer und die goémoniers, die den Seetang ernten, sitzen in den Kneipen und diskutieren laut über ihr vernichtendes Schicksal. Marke noire, die schwarze Tide, hat sie arbeitslos gemacht. Draußen, vor dem Hafen kann man den Übeltäter deutlich sehen, ein gigantischer Schiffsbug ragt steil aus dem Wasser, überragt die unzähligen Felsen der gefürchteten Roches de Portsall, dahinter die Brücke und der Schornstein des auseinandergebrochenen Supertankers "Amoco Cadiz", 109 000 Bruttoregistertonnen, gebaut 1973 in der spanischen Hafenstadt Cadiz, Wert zwölf Millionen Dollar, gestrandet bei einer Fahrt für die Shell Oil Company am 17. März 1978. Cargo: 231 000 Tonnen leichten arabischen Rohöls, die sich restlos ins Meer ergossen haben.

"Wir werden die Schuldigen niemals vergessen", steht handgeschrieben auf Zetteln, die in den Fenstern der Bars ausgehängt sind. Auf einigen ist mit Bleistift daruntergekritzelt "Shell". Warum? Die Ölgesellschaft hat das Schiff nicht bereedert, ist nicht Eigner des Tankers gewesen, nur Auftraggeber für den Transport. Aber Amoco-Benzin gibt es in Frankreich nicht, und an irgendwem will man sich rächen. Darum rief eine Verbrauchergemeinschaft zum Boykott der Shellprodukte auf, Shell klagte dagegen und die Richterin Simone Rozes am 1. Tribunal Civil in Paris befand, die "brutale Denunciation ohne Nuancierungen" sei verwerflich. Das Bußgeld von 10 000 Francs, das Shell zugesprochen wurde, stiftete der Konzern für die Opfer der Katastrophe. Boykottiert wird weiter. Gerechtigkeit? Die Fischer von Portsall haben kein Verhältnis mehr zu dem Begriff.