Von Peter Beyer

Wenn Sie so weiterarbeiten", sagte mein Arzt, "werden Ihre Kraftreserven bald erschöpft sein. Ich rate Ihnen dringend, wieder eine Vorbeugungskur zu beantragen." Also reichte ich bei der BfA in Berlin den Kurantrag ein, der die Bitte meines Arztes enthielt, mich zu einer Bewegungs- beziehungsweise Terrainkur zu schicken. Die BfA suchte mir eine Kneippkur im deutschen Mittelgebirge aus.

Liebenswürdig war der Empfang, freundlich das Zimmer, befremdlich das erste gemeinsame Essen mit drei anderen "Neuen" zu Mittag. Eine wußte schon alles: Wo man hier tanzt, wo man abends seinen Schoppen trinkt, wie man nachts in die verschlossene Klinik hineinkommt.

Nach dem Essen bin ich plötzlich allein, in fremder Umgebung, arbeits- und aufgabenlos. Gestern habe ich noch zehn Stunden im Büro geschuftet.

"Was möchten Sie in der Kur haben?" war, eine der ersten Fragen, die der Kurarzt am nächsten Tag stellte. Wer sich nicht erkundigen konnte, kur-ungeübt ist, muß dieser Frage verblüfft gegenüberstehen. Liegt denn der Befund des einweisenden Arztes, der Bericht der BfA dort bei dem Fragenden nicht auf dem Tisch? Sollte er nicht wissen, was für den Patienten gut und heilend ist? Doch ich erinnere mich an eine Trinkkur an der Ostsee und bitte um Sauna, Frühgymnastik und Schwimmen. Verordnet werden für die erste Woche: Tägliche Gymnastik, kalte Oberkörperwaschungen täglich um 6.45 Uhr im eigenen Zimmer, zweimal Sauna, zweimal Schwimmen, ein Baldrianbad, zwei Kniegüsse, zwei Armgüsse, zwei Armbäder, zweimal Mittagschlaf auf dem Heusack. Sonn- und feiertags habe ich frei.

Die zeitliche Summe der meist passiven Anwendungen beträgt im täglichen Durchschnitt knapp zwei Stunden, vier Stunden Sauna, täglich, eine halbe Stunde Gymnastik und zwei Stunden Schlaf auf dem Heusack eingeschlossen. Vor zwei Tagen noch hatte ich bis zu zehn Stunden am Tag gern und engagiert gearbeitet. Jetzt blieb mir eine dreistündige "Behandlung" und der Rat des Arztes, den Rest der Zeit ruhig zu verbringen. Mit wem? Mit was? Wer hilft dem Patienten, die Zeit sinnvoll zu füllen? Am zweiten Tag traf ich einen Leidensgenossen, der soeben zum drittenmal die Hauptstraße der kleinen Kurgemeinde auf und ab gelaufen war.

Die Anwendungsverordnung dauert fünf Minuten, knapp fünf Minuten die ärztliche Untersuchung: Blutdruck, Gewichtskontrolle, Abhorchen der Lunge, Abtasten des Leibes – "Rauchen Sie?" – "Nur Zigarren": – Blick in die Augen, Beklopfen der Armmuskulatur. Nach zehn Minuten ist alles vorüber. Im Labor wird noch Urin gesammelt und ein wenig Blut aus der Armvene und der Fingerkuppe abgezapft.