Von Gerhard Seehase

Die Zutaten waren erfreulich: ein ausverkauftes Stadion, viel Stimmung vorher und zwei Nationalmannschaften, die mit piekfeinen Visitenkarten aufwarten konnten. Aber als hätte jemand laut ausgerufen: "Bitte, recht unfreundlich", so verließen die 61 000 Zuschauer – wenn man einmal die brasilianischen Schlachtenbummler ausklammert – am Schluß der Vorstellung das Hamburger Volksparkstadion. Im vorletzten Test für die Fußball-Weltmeisterschaft in Argentinien hatte die deutsche Mannschaft mit 0:1 gegen Brasilien verloren, und Bundestrainer Helmut Schön gab zu: "Die Niederlage War berechtigt."

Man weiß hierzulande natürlich sehr wohl, was südamerikanischen Mannschaften zusteht. Wo auch immer ihre Vertreter an europäische Türen klopfen, empfängt man sie mit Respekt: vor allem den "dreimaligen Weltmeister" Brasilien. Aber nun hatten just diese Brasilianer, bevor sie nach Hamburg kamen, in Paris ^(Ort-Niederlage) einen erfolglosen Kleinkunst-Fußball geboten, der die mitreisenden brasilianischen Journalisten, etwa hundert an der Zahl, zu der Pauschal-Erkenntnis veranlaßte, daß dieses Team "nicht WM-reif", und daß aus diesem Grunde Trainer Coutinho abzulösen sei.

Nicht in Lackschuhen

Und der deutsche BundestrainerHelmut Schön, aufmerksamer Beobachter in Paris, konnte dieser brasilianischen Mannschaft vorher eine ungewöhnliche Schußschwäche und einen starken konditionellen Leistungsabfall nach der Pause bescheinigen.

In Hamburg hatten die Brasilianer nichts von ihrer Schußschwäche eingebüßt, wohl aber waren sie – zum großen Erstaunen des Publikums – den deutschen Bundesliga-Profis in der zweiten Spielhälfte nicht nur spieltechnisch, sondern auch physisch eindeutig überlegen. Die Niederlage von Paris hatte die Südamerikaner offensichtlich zu einer besseren Leistung stimuliert; was dem brasilianischen Trainer Coutinho mit Blickrichtung auf Argentinien zu der Meinung veranlaßte, er könne diesem Team noch bis dahin zu einer "vierzigprozentigen Leistungssteigerung" gegenüber Hamburg verhelfen. Sollte ihm das tatsächlich gelingen, der kommende Weltmeister stünde jetzt schon fest: Brasilien.

Nur, Leistungssteigerungen lassen sich nicht garantieren. Sonst hätten die südamerikanischen Mannschaften – und nicht zuletzt auch die Brasilianer – bei der letzten Fußball-Weltmeisterschaft 1974 in der Bundesrepublik Deutschland nicht eine so untergeordnete Rolle gespielt. Was ist los mit dem südamerikanischen Fußball? wurde damals gefragt. Werden die Südamerikaner überschätzt? Und so sehr man diese Frage nach dem Eindruck der Fußball-WM 74 bejahen mochte, so wenig traute man dem Frieden für die nächste Fußball-WM 78 im südamerikanischen Argentinien.