Die ersten repräsentativen Ergebnisse über die Auswirkungen der Körperschaftsteuerreform liegen vor: Bei 100 Gesellschaften, die entweder bereits ihre Dividende nach dem neuen Gesetz gezahlt beziehungsweise angekündigt haben, ergab sich eine durchschnittliche Renditeverbesserung um rund 40 Prozent. Zum erstenmal in diesem Jahrhundert wird von vielen Standardaktien die klassische Relation erreicht: Ihre Rendite liegt über denen des Rentenzinses. Natürlich ist das nicht allein das Verdienst der Körperschaftsteuerreform und der Ausschüttungsfreudigkeit der Gesellschaften. Eine ebenso entscheidende Rolle spielt das in den letzten Jahren kräftig gesunkene Zinsniveau.

Aus dieser Sicht her betrachtet geben viele Kapitalmarktexperten den Aktienkursen weiterhin eine Chance, auch wenn sich ihr Anstieg im Augenblick im Tarifstreit festgefahren hat. Bei der Deutschen Bank spricht man von einem Anlagestau, "der sich noch auswirken wird".

Ist dieser Optimismus tatsächlich gerechtfertigt? Die Renditen am Aktienmarkt sind von anderer Qualität als die der festverzinslichen Papiere. Sie basieren auf Dividenden, die jedes Jahr geändert werden können. Ein festes Rechenfundament ist nur dort vorhanden, wo sich heute absehen läßt, daß die jetzt gezahlte Dividende, nachhaltig als gesichert erscheint.

Bei den Großbanken kann man dies voraussetzen. Deshalb hier Anlagekäufe, die der Commerzbank-Aktie in dieser Woche einen neuen Jahreshöchstkurs bescherten. Bei einer Gesamtausschüttung von 13,28 Mark (einschließlich Steuerguthaben) und einem Aktienkurs von 241 Mark macht die Rendite in diesem Papier 5,5 Prozent aus.

6,6 Prozent erzielt der Käufer zur Zeit bei den RWE-Aktien, um die es in letzter Zeit etwas stiller geworden ist. Versorgungswerte sind nämlich nicht frei von Enttäuschungen geblieben. Bei VEW war der Gewinn 1977 deutlich rückläufig, die NWK sprechen für 1976/77 sogar von einem Ertragseinbruch.

Im Großchemie-Bereich sind die Dividendenschätzungen für 1977 noch einmal reduziert worden. In Börsenkreisen spricht man jetzt von einer Einheitsdividende von sechs Mark. Dazu kämen dann jeweils 3,37 Mark an Steuerguthaben. Bei einem Hoechst-Kurs von 133 Mark ergäbe sich dann eine Rendite von stolzen sieben Prozent. Und da anzunehmen ist, daß die Ausschüttung von sechs Mark für 1978 beibehalten wird, erscheint das Papier trotz aller konjunkturellen Bedenken als reizvoll. Dennoch wird sich der Kurs wohl erst dann spürbar bessern, wenn feststeht, daß die Großchemie am Ende der Ertragstalsohle angelangt ist. Vorerst scheint dies noch nicht der Fall zu sein.

Die VW-Aktie erlebte in den letzten Tagen einen deutlichen Kursrückgang um zehn auf 206 Mark. Die angekündigte Dividende von sieben Prozent plus Bonus von einem Prozent gilt als "enttäuschend". Die Vorausschätzungen waren zuletzt von neun bis zehn Mark Gesamtausschüttung ausgegangen. Respekt haben die Börsianer vor der vorgesehenen Kapitalerhöhung im Verhältnis 3:1 zum Ausgabepreis von 150 Mark für die 50-Mark-Aktie. Sie kostet immerhin 900 Millionen Mark, wovon 540 Millionen vom freien Kapitalmarkt aufzubringen wären. Als Zeitpunkt für diese Transaktion ist der kommende Herbst, also nach Abschluß der Sommerferien, in Aussicht genommen. Wer will wissen, wie der Markt dann auf eine solche Mammuttransaktion reagiert?

Bei den Renditeberechnungen gehen die Börsianer für 1978 von einer Dividende von sieben Mark aus, denn eine weitere Gewinnanhebung ist schwer vorstellbar, außerdem müssen die jungen Aktien (möglicherweise für ein halbes Jahr) zusätzlich mit Dividenden bedient werden. Zur Zeit hat das VW-Bezugsrecht einen Wert von rund 11,50 Mark. Zieht man diesen Betrag vom Kurs ab, ebenso wie die Dividende, so stellt sich die Rendite bei einer für 1978 angenommenen Ausschüttung von sieben Mark (einschließlich Steuerguthaben) auf 6,3 Prozent. Es besteht danach kein Grund, VW-Aktien überstürzt zu verkaufen. Es sei denn, die Verwaltung kündigt in der kommenden Woche auf der Bilanzpressekonferenz für 1979 ein "Ertragsloch" an. Vermutlich wird man sich aber mit Hiobsbotsschaften zurückhalten. Nicht zuletzt im Hinblick auf die Kapitalerhöhung. Kurt Wendt