Von Wolf Donner

Er stellt sich zur Schau, schamlos und narzistisch. Er swingt voll geballter Kraft und zugleich herausfordernd lässig über das gläserne, neon-erleuchtete Parkett, die Bewunderung der Mädchen und seiner Freunde steigert seine fiebrige Eleganz, er walzt und balzt: die androgyne Anmut unmittelbarer physischer Selbstdarstellung.

John Travolta ist das neue amerikanische Kino-Idol, und sein Film „Nur Samstag Nacht“ („Saturday Night Fever“) ist zur Zeit der Spitzenerfolg. Er ist 24 Jahre alt, hat fünf Geschwister, die alle irgendwie im Showgeschäft arbeiten, er singt, spielt und tanzt. Eine amerikanische Karriere: Statisterie, erste kleine Rollen, eine Tournee in einer schon größeren Rolle mit dem Musical „Grease“, Anfänge in Hollywood, ein Part in dem Film „Carrie“, Aufstieg zu einem der beliebtesten Fernsehserien-Stars. Dann mit Saturday Night Fever“ von John Badham der Schritt zum Weltruhm.

Der Film beschreibt eine jugendliche Gang in Bay Ridge, Brooklyn. Tony ist ihr Anführer. Die Woche über Farben verkauf er, lebt er nur für den Tanz, trainiert abends und ist der König der Discothek Samstag Nacht.

Die Machart des Films ist die eines sogenannten B-Pictures: knallig, taff, mit dem rauhen Charme und dem rigorosen Zugriff amerikanischen Entertainments. Rüde Dialoge in einem auch Amerikanern schwer verständlichen Slang, deftiger Sex, greller, aber kraftvoller Glamour. Das Script von Norman Wexler („Serpico“, „Joe“, „Mandingo“) plündert unbekümmert und sichert sich mit seinem Themen-Ausverkauf nach allen Seiten hin ab: Motive, Zitate, Anleihen aus „West-Side-Story“, „Mean Streets“, „Joe“ und „Rocky“, „American Graffiti“ und vor allem aus „Denn sie wissen nicht was sie tun“ von Nicholas Ray mit James Dean.

Nichts wird vertieft, vieles nur eben angedeutet. Tonys italienisch-katholisches Elternhaus und der Bruder, der sein Priesteramt aufgibt, die ethnischen Kämpfe der Italiener, Schwarzen und Puertoricaner in Brooklyn, die Beziehungen innerhalb der Gang und gegen andere fest organisierte Banden, ihr brutales, verächtliches Verhalten den Mädchen gegenüber und ihr „Machochauvinismus“ (Badham), ihre harten, ziemlich freudlosen Lebensbedingungen oder Tonys Läuterungen am Ende, alles bleibt urbane Exotik und schielt ein bißchen nach Hubert Selbys Bestseller „Last Exit To Brooklyn“.

Es ist kein Widerspruch, sondern die besondere Qualität solcher gut kalkulierten amerikanischen Unterhaltungsfilme und zudem das Verdienst des vom Fernsehen geschulten Regisseurs, daß „Saturday Night Fever“ trotz aller Einwände überzeugend ein Stück authentischer Realität vermittelt: den Tanz und die Musik als Selbstverwirklichung, das Disco-Delirium als Lebensform. Die bunte, unwirkliche Szenerie des Clubs „2001 Odyssee“ in Brooklyn, ihre erotische Atmosphäre, die seltsamen Stammesriten und stilisierten Zeremonien der Gruppen und Tänzer erfassen sehr konkret die Funktion des synthetischen Rock-Fiebers, sie zeigen die schäbige Plastik-Romantik einer riesigen Tanzhölle als Fluchtwelt, Ersatz und Elixier. Und als Ventil einer hoffnungsvollen Jugend, die keine Aussicht hat, je diesen Distrikt und ihre Armut zu verlassen.