Während der 22. Kommandeurtagung der Bundeswehr in Saarbrücken sprach Bundespräsident Walter Scheel vor mehr als 300 kommandierenden Offizieren. Zum Recht auf Kriegsdienstverweigerung und zur Traditionspflege in der Bundeswehr sagte er unter anderem:

"...Kriegsdienstverweigerer haben nicht das Gewissen gepachtet, sie haben auch kein nachweisbar besseres Gewissen als in der Bundeswehr Dienende, sie haben nur, völlig zu Recht, ein anderes Gewissen. Indem unsere Verfassung die Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen garantiert und zugleich die allgemeine Wehrpflicht vorsieht, ist der gegenwärtige Konflikt zwischen Kriegsdienstverweigerung und Wehrpflicht schon in der Verfassung angelegt. Jedermann ist sich darüber im klaren, daß man ein individuelles Gewissen nicht amtlich prüfen kann. Und es liegt auch auf der Hand, daß die auf Grund der einstweiligen Verfügung des Bundesverfassungsgerichts wieder eingeführten Prüfungsverfahren zu unbefriedigenden Entscheidungen geführt haben.

Da das Gewissen im Prinzip nicht nachprüfbar ist, hat das Grundgesetz selbst praktisch die Wahlfreiheit zwischen Wehrdienst und Ersatzdienst getroffen. Jedermann kann behaupten, auch wenn ihn sein Gewissen überhaupt nicht drückt, daß er den Kriegsdienst aus Gewissensgründen verweigere. Das wäre in einem solchen Fall zwar objektiv eine Lüge, eine Lüge jedoch, die nach außen als solche nicht erkennbar ist. Wie auch immer das endgültige Urteil des Bundesverfassungsgerichts aussehen wird, ich glaube, kein Gesetz wird diesen in der Verfassung selbst angelegten Widerspruch aufheben können."

"... Die Traditionspflege kann und darf nicht bedeuten, daß wir problematische und dunkle Epochen unserer Geschichte verdrängen. Gerade der Bundeswehr muß bewußt sein, welch verhängnisvolle Rolle das Militär in der Geschichte unseres Landes zuweilen gespielt hat. Daraus muß sie lernen. Ich habe einmal gesagt: ‚Erst aus der Geschichte kann unser Volk Wert und Würde der Demokratie verstehen lernen und erst, wenn wir aus unserer Geschichte die Folgerung der Demokratie ziehen, dann haben wir sie richtig verstanden.‘

Das heißt zunächst, die Bundeswehr darf die Militärgeschichte nicht isoliert betrachten. Die Militärgeschichte muß, vom Standpunkt der Demokratie aus, als Teil der Geschichte unseres Volkes gesehen, bewußt gemacht und bewertet werden. Jeder objektive Betrachter wird den deutschen Soldaten des Zweiten Weltkrieges zugestehen, daß sie zum Teil großartige militärische Leistungen vollbracht haben. Diese militärischen Leistungen müssen jedoch im Zusammenhang mit den verbrecherischen Zielen des Zweiten Weltkrieges gesehen werden. Wenn wir das nicht tun, verfallen wir wieder in den tragischen Irrtum, in dem die tapferen Soldaten des Zweiten Weltkrieges gefallen sind. Auch ihrem Andenken sind wir es schuldig, daß wir uns den Blick für die furchtbare Vergeblichkeit und Sinnlosigkeit ihrer Leistungen nicht trüben lassen. Der deutsche Soldat muß sich bewußt sein, daß, vom Standpunkt der Demokratie aus, im Zweiten Weltkrieg Männer wie Generaloberst Beck, Graf Staufenberg und ihre Mitstreiter ihre Pflicht als Soldat getan haben..."

"... Darf nun der Soldat der Bundeswehr Mut, Tapferkeit, Kameradschaft, Ritterlichkeit der Soldaten des Zweiten Weltkrieges nicht ehren? Er darf es – mit Trauer; mit Trauer darüber, daß all das, was die Ehre seines Berufs im Kriege ausmacht, auf schändliche Weise mißbraucht wurde. Seine Kameraden des Zweiten Weltkrieges wegen ihrer soldatischen Tugend ehrend, sollte in ihm der feste Wille heranreifen, sich selbst nie auf solche Art mißbrauchen zu lassen.

Welche Traditionen sollen nun in der Bundeswehr gepflegt werden? Diese Frage läßt sich über das Gesagte hinaus nur beantworten, wenn man die zweifache Aufgabe der Bundeswehr ins Auge faßt: den Frieden zu erhalten und für den Krieg bereit zu sein. Ein Soldat, dem der Rang des Friedens nicht bewußt ist, ist kein guter Soldat. Der Soldat muß den Frieden ehren. Er soll den Willen zum Frieden bekräftigen. Das geschieht auch dadurch, daß er sich die großen Männer des Friedens, die unser Volk hervorgebracht hat, zum Vorbild nimmt. Es wäre keine schlechte Idee, eine Kaserne nach einem deutschen Friedensnobelpreisträger zu benennen."