Von Jürgen Werner

Im Spiel 1963 gegen Brasilien in Hamburg hatte ich dasselbe Gefühl: Man spielte wie gegen eine Gummiwand, deren Elastizität nicht zu durchbrechen ist. Die brasilianischen Deckungsspieler konzentrieren nämlich ihre gesamte Aufmerksamkeit schwerpunktartig auf die kritische Torentfernung von etwa 25 Metern. Dort wird nicht lange gefackelt, sondern mit eisernen Besen gefegt – erlaubt ist alles, was dem Schiedsrichter gerade noch gefällt.

Doch auch die Mär, südamerikanische Fußballspieler decken vor allem den Raum, gilt seit Hamburg nicht mehr. Der Kölner Spieler Heinz lenken der das Spiel der deutschen Mannschaft lenken und kontrollieren soll, sprach nach dem Spiel von Deckungskünstlern. Er empfand es diesmal als besonders schwierig, die Stürmer in Schußposition zu bringen, weil die flexible Kombination von Raum- und Manndeckung bei den Brasilianern ein weites, den Weg zum Tor schnell überbrückendes Zuspiel fast zum Vabanquespiel gemacht habe: die Zahl der von deutschen Spielern Brasilianern zugespielten Bälle war Legion.

Diese machten dann ihr Spiel, das sich auf drei Fähigkeiten stützt: ihre artistische Beherrschung des Balls in jeder Situation, eine hervorragende körperliche Gewandtheit und eine enorme Grundschnelligkeit. Bundestrainer Helmut Schön analysierte dann auch präzise, daß allein die Zahl der verlorenen Zweikämpfe ein Indiz für die Überlegenheit der brasilianischen Spieler gewesen sei. Bereits im Mittelfeld wurden die deutschen Spieler angegriffen, gestört und verloren dort – ihr Zuspiel wirkte überhastet, ungenau und leicht durchschaubar – schon Kraft und Konzentration.

Die deutschen Deckungsspieler wurden zusätzlich verwirrt durch permanente Positionswechsel aller brasilianischen Spieler – ein organisiertes Chaos, das wie improvisiert wirkte. "Bis die deutschen Spieler kapiert hatten, was sie machen mußten, war das Spiel im Grunde schon verloren" – Jupp Posipal, einst selbst Nationalspieler, wählte diese prägnante Kurzformel. Helmut Schön wiederholte nach diesem Spiel seine schon nach dem Spiel gegen die Sowjetunion (1:0) erhobene Forderung an die Spieler ("die ich mit jedem einzelnen auch besprochen habe"), eigene Entscheidungen zu treffen und "das zu spielen, wodurch er mir im Verein aufgefallen ist und weswegen ich ihn in die Nationalmannschaft gerufen habe".

Doch gerade die sonst so wichtigen Leistungsträger wie etwa Rainer Bonhof von Borussia Mönchengladbach und Heinz Flohe vom 1. FC Köln zeigen nach fast 50 Spielen in der Bundesliga, um den Europapokal und in der Nationalmannschaft physische und psychische Verschleißerscheinungen, die gegen eine Weltklassemannschaft besonders deutlich wurden: Sie liefen mehr hinter ihren Gegenspielern her als umgekehrt.

Die Emsigkeit der deutschen Spieler war wie immer deutlich, ihr Effekt aber gering, weil die brasilianischer Spieler mindestens genauso athletisch spielten, Ball und Raum aber weitaus besser kontrollierten. Lazslo Kubala, der Trainer der spanischen Nationalmannschaft, sprach sogar vom "deutschen Stil der brasilianischen Mannschaft: spielerisch diszipliniert und elegant präsentiert". Tatsächlich verwirklichte sie fast optimal Sepp Herbergers und Helmut Schöns Maxime, dort wo sich der Ball befinde, müsse ein eigener Spieler mehr sein. In Ballnähe sah man immer vier bis fünf Brasilianer. Dagegen warteten die deutschen Spieler ab, wenn nur einer wetzte – Stars ohne Selbstvertrauen.