Aus Protest gegen die Großgrundbesitzer besetzen Arbeitslose das brachliegende Terrain

Von Evelyn Bohne

Wenn Raffaelle Stancato von seinem Weingarten nach Hause geht, werden seine Augen jedesmal dunkel vor Zorn. Er sieht auf seinem Heimweg Hunderte von Hektar fruchtbares Land – doch seit Jahren schon liegt es brach; Unkraut wächst zwischen Olivenbäumen, ehemals ertragreiche Acker sind zur Steppenlandschaft geworden. Die Felder gehören den Baronen Susanna und Zito, den kleinen Königen des Dorfes Cirò Marina in der süditalienischen Stiefelspitze Kalabrien.

Raffaelle Stancato ist Landarbeiter und genau wie die übrigen achthundert "Braccianti", die Tagelöhner des Dorfes, arbeitslos. Sein eigener Hektar reicht gerade dazu aus, den Jahresbedarf an Wein zu decken, die Familie (eine Frau und drei Kinder) lebt seit Monaten auf Kredit.

"Ich habe im vergangenen Jahr nur von Januar bis Juni Arbeit bekommen und deshalb nicht einmal die 150 Arbeitstage geschafft, um das staatliche Arbeitslosengeld zu bekommen", sagt er. Wie jeder, der weniger als fünf Monate, aber mehr als 50 Tage gearbeitet hat, bekommt Raffaelle Stancato 800 Lire Unterstützung am Tag – das sind etwas mehr als zwei Mark. "Dabei gäbe es für jeden von uns Arbeit genug", meint er überzeugt, "wenn nur die Barone es vorzögen, ihr Land bebauen und nicht brachliegen zu lassen."

Ständig wuchs die Wut

Während die Hälfte der kalabresischen Bauern wie Raffaelle Stancato- auf einem "Taschentuch voll Erde" sitzt, leben die Großgrundbesitzer, die kalabresischen Barone, auf Territorien von mehreren Tausend Hektar. Bis zum Ende der 50er Jahre verpachteten sie Boden in Parzellen an Kleinbauern und erhielten als Pacht einen guten Teil der Ernte. Dann aber begann der Exodus der Landpächter. Viele zogen es vor, in die großen Industriestädte des Nordens zu emigrieren, statt auf Miniaturschollen ein kärgliches Dasein zu fristen. Das verlassene Land aber blieb ungenutzt – die Barone hatten an dem von ihnen selbst bewirtschafteten Teil immer noch genug.