Auf den ersten Blick sieht es aus wie eine Sensation. Bei der jüngsten Regierungsbildung wagte es der alte und neue Premierminister Raimond Barre, die Zitadelle des französischen Zentralismus und damit ein Bollwerk der politischen Macht zu zerschlagen: Er teilte das Wirtschafts- und Finanzministerium in zwei getrennte Ressorts auf. Seit 1941 hatte es niemand gewagt, das Superministerium anzutasten.

Bekanntlich macht Kasse mächtig. Das gilt besonders dann, wenn derselbe Minister die Kompetenzen für Steuern, Haushalt, Geld und Konjunktur in der Hand hat. Dem Pariser Superminister unterstand zudem auch die Notenbank, deren Chef nur dann einen Konflikt mit seinem Minister riskieren konnte, wenn er seinen Abschied schon einkalkuliert hatte.

Bezeichnenderweise logiert der Wirtschafts- und Finanzminister im Louvre. Wo einst die Könige Frankreichs residierten, saß in den letzten 37 Jahren der absolute Herrscher über 171 000 Beamte. Staatspräsident Giscard d’Estaing weiß selbst am besten um die Geheimnisse und Möglichkeiten dieser Hofburg der Macht. Schließlich zog er schon mit 36 Jahren als Minister in den Louvre ein. Wie sein Vorgänger und Nachfolger thronte er in einem mit rotem Plüsch drapierten Trakt, umgeben von den Büros seiner Berater, die oft mehr Entscheidungsbefugnisse haben als einzelne Regierungsmitglieder.

Kein Wunder, daß für die Franzosen der gigantische Apparat des Wirtschafts- und Finanzministeriums zum Symbol für die Verwaltungsmaschinerie überhaupt geworden ist. Hier sitzen die vom Bürger ungeliebten Technokraten, die von den Nöten des kleinen Mannes unbeleckten Beamten. Hier muß jeder Bürgermeister vorsprechen, der ein Krankenhaus oder einen Sportplatz bauen will. Hier antichambrieren Industrielle auf der Suche nach Subventionen. Und hier gehen die Abgeordneten ein und aus, die Staatsausgaben in ihren Wahlkreis lenken möchten.

Es fehlte nicht an Vorschlägen, diese Bastion der Macht zu stürmen, um die anonyme Administration dem Bürger näherzubringen. Die neue Regierung ging nun zum Angriff über, sehr zum Mißfallen der Betroffenen. Doch kurioserweise hielt sich der Beifall für den Schritt in Grenzen. Daran ist Premier Raimond Barre selber schuld. Er hat nämlich keinen Zweifel daran gelassen, daß er künftig der eigentliche Superminister sein wird.

Alle wirtschaftlichen Grundsatzentscheidungen wird er selber treffen und die betroffenen Ressortschefs regelmäßig um sich scharen. Für Frankreichs Wirtschaft ist das sicher eine heilsame Regelung; denn Barre geht die Stabilität über alles. Doch die Macht wird damit eher noch mehr zentralisiert als bisher, und von der angekündigten Verwaltungsreform bleibt nicht viel mehr als eben die Ankündigung.

Doch auch daran ist man in Frankreich gewöhnt. Die Zahl der Staatssekretäre, hohen Beamten und Sonderkommissionen, die seit 1945 die Verwaltung reformieren sollten, übersteigt das Dutzend. Ihre Berichte verschwanden stets in irgendeiner Schublade. So ist auch der jüngste Sturm auf die Bastille nicht mehr als ein Scheingefecht.