Von Gabriele Venzky

Mit halben Sachen gibt sich Ferdinand Marcos nicht zufrieden. Superlative sind für ihn gerade gut genug. Sein juristisches Staatsexamen absolvierte er vor vierzig Jahren mit einmalig grandiosen, Noten, die ihm bisher niemand nachmachen konnte. Aus dem Kriege kehrte er als der höchstdekorierte Soldat der Philippinen zurück, lange galt er als der beste Scharfschütze des Inselstaates. Und als es ans Heiraten ging, wählte er sich die schönste Frau des Landes, Imelda Romualdez, gerade erst zur Schönheitskönigin gekürt und obendrein als einer der angesehensten Familien. Dank Imeldas Geschäftstüchtigkeit wurde Marcos später einer der reichsten Männer Asiens, wobei sich als vorteilhaft erwies, daß er seit 1965 auch noch Präsident, seit 1972, als das Kriegsrecht verhängt würde, gar unumschränkter Alleinherrscher ist.

Auch bei der Länge der Regierungszeit steuert Marcos einen Rekord an. Seit 1972, als er das Kriegsrecht verfügte, um den wirtschaftlich und politisch aus den Geleisen laufenden Staat mit fester Hand in die ihm genehme Richtung lenken zu können, läßt er sich in ebenso regelmäßigen wie fragwürdigen Plebisziten bestätigen, daß die Filipinos ihn weiterhin als Alleinherrscher haben wollen. In einer Unterhaltung, in der die wachsende Unzufriedenheit unter den Intellektuellen, den entthronten Eliten, ja selbst unter den Reisbauern auf dem flachen Lande angesprochen wurde, sagte Regierungssprecher Tadat, ohne eine Miene zu verziehen: "Nein, nein, die Mehrheit möchte sogar eine noch stärkere Exekutive, Eine Rückkehr zu den alten Standards kommt überhaupt nicht in Frage."

Am vergangenen Freitag fanden, vor allem auf Druck der Amerikaner, zum erstenmal seit fünfeinhalb Jahren wieder Wahlen auf den Philippinen statt. Was die Regierung von dieser Abstimmung erwartete, verriet die amtliche Erklärung unmittelbar nach Schließen der Wahllokale Sie habe die Wahl gewonnen. Daß sie das tun würde, hatte ohnehin niemand bezweifelt. Erstaunlich war nur, wie wenig Anstrengungen gemacht wurden, die Farce zu vertuschen. So verkündete der Präsident zu einem Zeitpunkt, an, dem nur ein winziger Teil der Stimmen ausgezählt sein konnte, seine Partei, die "Neue Gesellschaft", habe alle 21 Parlamentssitze in Manila gewonnen. Die Opposition, die nur in der Hauptstadt eigene Kandidaten aufstellen konnte, folge mit großem Abstand auf den nicht mehr entscheidenden Plätzen,

Dabei hatte die Oppositions-Koalition während des Wahlkampfs ungeheure Resonanz gefunden. Mit dem wirkungsvollen Schlachtruf laban (Kampf) hatte sie sich in die Arena gestürzt. Spitzenkandidat war der populäre Senator Benigno Aquino, der nach langjährigen Prozessen im vergangenen Herbst zum Tode verurteilte Erzrivale von Ferdinand Marcos. Er führte den Wahlkampf von seiner Zelle im spanischen Fort Bonifacio. Seine kleine Tochter kletterte allabendlich bei Wahlversammlungen, die von Tausenden besucht wurden, auf einen Stuhl an das Mikrophon und appellierte an die Leute: "Ich heiße Kris und bin sieben Jahre alt. Seit fünf Jahren habe ich meinen Vater nicht mehr. Helft mir, daß ich ihn wiederbekomme."

Diese Auftritte kamen an. Gewiß, ein bißchen Dramatik, ein bißchen Hokuspokus und viel Schauspielerei gehören auf den Philippinen immer zur Politik. Schließlich trat zur gleichen Zeit die First Lady, Imelda, im benachbarten Slum auf, um den in Dreck und Unrat hausenden Arbeitslosen zu versichern: "Ich liebe euch. Wählt mich, dann wird es besser werden für euch."

Doch hinter solch publikumswirksamen Auftritten verbarg sich bitterer Ernst. "Dem First Couple, den beiden Marcossens, könnte es genauso ergehen wie Indira Gandhi vor zwei Jahren in Indien", prophezeite ein oppositioneller Exsenator, "es sei denn, sie manipulieren die Wahl." Niemand zweifelte daran, daß Aquino ein Stirn? menmagnet war, auch wenn jedermann wußte, daß er durchaus nicht die integre politische Figur war, als die er sich jetzt gern präsentierte. Aber der Slogan "Für ein Ende der Diktatur" machte die Opposition für viele Wähler so attraktiv, daß sie Marcos gefährlich erscheinen mußte.