Sie erwarten einige Worte; es werden wirklich nicht viele sein. Diese Tugend entspringt, wie so oft, einer Not, diesmal einer topologischen. Stünde ich vier S-Bahn-Stationen nordostwärts von hier, in der andern der beiden Akademien der Künste mit einem Sitz zu Berlin, wäre ich mir dieser Tugend durchaus nicht sicher, denn ein Preis, dessen Name schon Konfrontation ist, legt jeden Dank als ein Erwidern fest, und das ist in Kürze schlecht abzutun.

Der Kritikerpreis für Literatur – seine Existenz beschwört für mich alle Probleme eines Zueinandergespanntseins der Kräfte herauf, die dieser Titel repräsentiert. Man kann ihn sich nicht seitenverkehrt vorstellen: Ein Literatenpreis für Kritik, der Gedanke macht schaudern, und eben da beginnt mein Problem.

Sie scheinen Kriterien zu besitzen, die Qualität unserer Leistungen verbindlich zu messen; welche hätten wir für die Ihren, oder brauchen wir dafür keine, und wenn nicht, was bestimmte dann unser Verhältnis, und gäbe es keines, wozu dann der Preis?

Seine Vergabe zwingt mich, in Konfrontation zu denken: Sie/Wir, Kritik/Literatur, und zu diesem Trauma hätte ich schon manches zu sagen, ja ich will sogar eingestehen, daß ich dafür nach einer Gelegenheit suche, doch von dem zu sprechen, was mich zu Hause alltäglich, und als Maßstabverlust bis zur Verstörung bedrängt, dazu ist hier nicht der richtige Ort, und diesem Ort das Seine zu geben, mangelt es mir an Betroffenheit. Sachkenntnis allein nützt dann wenig.

Die Gesellschaften, in denen wir wirken, sind zu unterschiedlich, als daß ich die Problemgestalt mancher schlaflosen Nacht einfach vier Bahnstationen weiter südwestlich transportieren und als Ihre liebe Bekannte Ihnen vorstellen könnte, und indem ich das ausspreche, hat die Konfrontation dieser Stunde schon ihren Charakter geändert: Sie/Wir, das sind nicht mehr Kritik/Literatur, was wir doch eben noch gewesen; Sie/Wir, das sind unter der Hand, und unter dem Willen, die Repräsentanten zweier Sozialgefüge geworden, die zueinander ein anderes sind, und zwar im jeweiligen Selbstverständnis ein einander ausschließendes Anderes.

Diese zweite Trennung durchkreuzt die erste; sie hat sich noch immer als tiefer gehend erwiesen; sie setzt sich in jedem Sprachgebrauch durch und wirft die simple Frage auf, ob wir einander überhaupt noch etwas zu sagen, das heißt über die gemeinsame Sprache hinaus ein gemeinsames Maß an Wertung haben.

Zum drittenmal ein anderes „Wir“, nun die Gemeinschaft dieser Begegnung, und eben die zeigt sich als heillos zertrennt. Ist sie mehr als eine arithmetische Größe, die Menge der hier Versammelten, und wäre ihr „wir“ mehr als eine Phrase?