Was der Wiener Bundeskanzler Kreisky aus Ostberlin an Aufträgen wirklich mitbrachte

Österreichs Bundeskanzler hat wieder einmal ganz groß in Wirtschaft gemacht. Nachdem er zu Jahresbeginn aus Moskau mit leeren Händen zurückkam, präsentierte Bruno Kreisky jetzt nach der Rückkehr aus der DDR seinen staunenden Landsleuten eine lange Liste wirtschaftlicher Erfolge. Kreisky, sein mitreisender Handelsminister Josef Staribacher und Heribert Apfalter, der Chef des staatlichen Stahlkonzerns VÖEST-Alpine, profitieren davon, daß sich die DDR den ersten Besuch eines westeuropäischen Regierungschefs hinter der Mauer etwas kosten lassen wollte.

Am Rande der offiziellen Veranstaltungen, Paraden und Reden wurde über Projekte im Gesamtwert von rund dreizehn Milliarden Schilling gesprochen. Österreichs kommunistische Volksstimme jubelte: "Die DDR sichert unsere Arbeitsplätze." Dabei sparte das auflagenschwache Blättchen nicht mit Seitenhieben auf die EG, von der man solches ganz und gar nicht sagen könne.

Doch seit sich der erste Jubel über die reiche Beute gelegt hat, beginnen Österreichs Wirtschaftsexperten nüchtern zu rechnen und Honeckers Präsentkorb genauer zu betrachten. Wenn die schöne Verpackung entfernt wird, sieht der Inhalt so aus: Fixiert sind vorläufig nur ein Rahmenvertrag mit der VÖEST-Alpine, konkrete Abschlüsse über rund 300 Millionen Schilling (42 Millionen Mark) und ein Kreditrahmen von sechs Milliarden Schilling) (833 Millionen Mark) für DDR-Einkäufe in Österreich, den die österreichische Kontrollbank einräumen wird. Ausgehandelt wurde dieser Kreditrahmen im übrigen schon im vergangenen Dezember. Alle übrigen Projekte sind Absichtserklärungen ostdeutscher Regierungsstellen.

Die festen Aufträge im Wert von 300 Millionen Schilling umfassen eine Kesselanlage für das Kraftwerk Schwarzheide, die von Waagner-Biro geliefert wird, Transporteinrichtungen, die die VÖEST-Alpine gemeinsam mit ostdeutschen Firmen nach Tunesien exportieren will, und ein Auftrag über Konsumgüter, vermutlich Schuhe und Textilien.

Daß die VÖEST-Alpine ihren bereits bestehenden Rahmenvertrag von vier auf acht Milliarden Schilling (1,1 Milliarden Mark) erhöhen konnte, bedeutet, daß der Staatskonzern innerhalb der nächsten zehn Jahre Waren im Wert von vier Milliarden Schilling in die DDR liefern wird, daß aber auch die Österreicher der DDR Waren im gleichen Wert abnehmen müssen. Das bisherige Abkommen galt für zweimal zwei Milliarden Schilling. Was die DDR liefern wird, ist noch ungeklärt, bereitet den Österreichern aber schon jetzt Sorgen. Zur Abwicklung der ins Kraut schießenden Kompensationsgeschäfte hat VÖEST-Chef Apfalter sicherlich nicht zufällig in Ostberlin die Gründung einer eigenen Handelsgesellschaft bekanntgegeben.

Wenn DDR-Staatssekretär Beil nach Wien kommt, wird er nicht nur, wie die Österreicher hoffen, eine Liste konkreter Kaufwünsche mitbringen, sondern auch über eine Aufstockung des im Dezember ausgehandelten Kreditrahmens von sechs Milliarden Schilling für ostdeutsche Einkäufe in der Alpenrepublik auf insgesamt zwölf Milliarden Schilling (1,66 Milliarden Mark) verhandeln.