Von Josef Joffe

Südlibanon, im April

In Alma el-Schaab, an einer strategischen Straßenkreuzung knapp zehn Kilometer nördlich der libanesischen Grenze, demonstrieren maronitische Milizionäre und israelische Soldaten militärische Eintracht. Es ist eine ungleiche Waffenbrüderschaft. Die Christenmilizen haben sich hinter hochaufgetürmten Munitionskisten mit hebräischer Aufschrift verschanzt. Sie tragen frische Uniformen israelischen Zuschnitts. Ihre Schnellfeuergewehre – belgische FN-Lizenznachbauten – entstammen der israelischen Rüstungsindustrie. Nur die aufgeklebten Heiligenbildchen an den Kolben der Maschinenwaffen zeigen mit letzter Deutlichkeit an, wer hier Schützling und Beschützer ist.

Die Israelis haben versprochen, sich aus dem Südlibanon zurückzuziehen, wenn – so der Kommandant der Nordstreitkräfte, General Avigdor Ben-Gal – sie sich darauf verlassen können, "daß die Bewohner der christlichen Enklaven hernach hier in Frieden leben können". Kein Wunder, daß sich die Israelis mit dem "Ausdünnen" ihrer Truppen Zeit lassen. Den Milizen fehlt Führung, Ausbildung und Infrastruktur. Ihre Kampfkraft fällt kaum ins Gewicht, und die christlichen Einheiten der libanesischen Armee sind weitab vom Schuß – hinter dem Litani-Fluß in der Umgebung von Beirut.

Die Israelis stecken in einer Zwickmühle – und sie stehen unter Zeitdruck. Mit ihrer Operation "Stein der Weisen" haben sie sich zwar strategischen Raum jenseits ihrer unruhigen Nordgrenze verschafft, doch gleichzeitig eine Fülle von neuen Problemen aufgehalst. Schon in der ersten Phase ihres Einmarsches Mitte März – drei Tage nach dem palästinensischen Terrorüberfall auf einen israelischen Bus, der 32 Menschenleben forderte – machten die Amerikaner den Israelis einen Strich durch ihre undurchdachte Rechnung. Kaum hatten sie einen zehn Kilometer tiefen Sicherheitsstreifen im Libanon besetzt, da brach ein politisches Donnerwetter über Jerusalem herein.

Die wachsenden Spannungen zwischen Carter und Begin entluden sich in einer amerikanischen Blitzoffensive in den Vereinten Nationen. In Windeseile rammten die Amerikaner eine Resolution durch den Sicherheitsrat, die den "sofortigen Rückzug" der Israelis und die Aufstellung einer "Interims-Friedenstruppe" der Vereinten Nationen (UNIFIL) im Südlibanon forderte. Auf ihre politische Niederlage reagierten die überrumpelten Israelis mit einer zweiten Militäroffensive. Ermutigt durch das demonstrative Stillhalten der Syrer jenseits der "Roten Linie" des Litanis (Assads Soldaten blieben teetrinkend auf ihren Panzern sitzen, während die PLO-Freischärler an ihnen vorbei zur Front eilten), besetzten die Israelis den gesamten Südlibanon bis zum Litani-Fluß, um der UNIFIL zuvorzukommen. Diese zweite, ursprünglich ungeplante Phase der Operation "Stein der Weisen" bescherte den Israelis wenigstens einen strategischen Trumpf: Sie konnten die UN-Friedenstruppe zwingen, beiderseits des Litanis Stellung zu beziehen.

Ihr eigentliches Ziel haben sie freilich nicht erreicht. "Es ist unsere Aufgabe, so viele Terroristen wie nur möglich zu töten", hatte der scheidende Stabschef General Mordechai Gur zu Beginn der Operation verkündet. Wenn die Israelis wirklich vorhatten, "den Arm des Frevels abzuschlagen" – so Ministerpräsident Begin –, dann bleibt es ein Rätsel, warum sie keine Umzingelungsschlacht geschlagen, sondern die PLO-Truppen wie mit einem gigantischen Besen stockend vor sich her geschoben haben. Über den Litani führen nur drei Brücken. Es wäre ein einfaches gewesen, sie im Luftlandehandstreich zu blockieren, um den Palästinensern den Rückzug abzuschneiden. So aber hatten die Freischärler genügend Zeit, um den Invasoren ein paar hartnäckige Gefechte zu liefern und sich alsdann über den Litani abzusetzen. Ihre Verluste: Etwa 200 bis 300 Mann von insgesamt rund 5000, die zurückgewichen sind.