Gerd Bucerius (G. B.): "Wir bekommen keine qualifizierten Mitarbeiter", klagen viele Unternehmer. Die Stellenteile der überregionalen Zeitungen sind umfangreicher denn je, es werden also immer mehr qualifizierte Mitarbeiter vergeblich gesucht. Richtig?

Blüm: Richtig ist, daß sich unsere beruflichen Qualifikationen verändern; daß unsere hochtechnisierte Gesellschaft mehr qualifizierte Mitarbeiter braucht und für den Ungelernten und Angelernten immer weniger Spielräume vorhanden sind – da sehe ich die Gefahr eines neuen Klassenkampfes. Nämlich zwischen den Qualifizierten, die die Chance eines Arbeitsplatzes haben, und denen, die nichts oder wenig gelernt haben und deshalb draußen vor der Tür stehen; und zwar nicht nur vorübergehend. Wenn die Betriebe sich "gesundschrumpfen", und viele Betriebe wollen ja schon heute nur noch Olympia-Mannschaften beschäftigen...

G. B.: Warum?

Blüm: Die Rationalisierung, der technische Fortschritt vernichtet vor allem "Routine"-Arbeitsplätze. Und: Die Lohnpolitik forciert diese Entwicklung, indem sie vor allem die Löhne der untersten Lohngruppe überproportional anhob und damit die Unternehmen dort zur Rationalisierung zwingt. Es gibt durchaus noch untermenschliche Arbeitsplätze; sie soll man teuer machen, daß die Maschine billiger als der Mensch ist – nur, die Medaille hat zwei Seiten. Eine solche Lohnpolitik zugunsten der Unterschicht ist in der Vollbeschäftigung human. Jetzt aber, da 53 Prozent der Arbeitslosen ungelernt sind, verschärft das natürlich den Ausschluß der Ungelernten. Deshalb bin ich für eine Atempause in dieser Art Lohnpolitik.

Im Normalfall jedoch soll der Rationalisierungsdruck so wirken, daß die kreative menschliche Arbeit bevorzugt wird und die qualitativ besseren Arbeitsplätze erhalten bleiben. Rationalisierung soll nicht nur das Sozialprodukt und die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen – alles sehr richtig und wichtig –, sondern die Rationalisierung soll uns auch von häßlicher, leidvoller Arbeit entlasten. Nur im Moment dürfen wir die Diskrepanz zwischen Ungelernten und Gelernten nicht vergrößern.

Wir müssen auch die berufliche Bildung verbessern – das ist auch unsere weltwirtschaftliche Chance: wir werden mehr Absatz finden für die Produkte, die auf hoher Arbeitnehmerqualifikation beruhen; jene Produkte aber, die in Großserien von relativ niedrig qualifizierten Arbeitnehmern hergestellt werden können, die werden eben in der Dritten Welt billiger hergestellt. Das ist auch die einzige Chance, daß sich die Dritte Welt aus ihrem Elend herausarbeitet; denn nur über Arbeit für die Armen führt der Rettungsweg, nicht durch Geschenke wird die Weltwirtschaft ins Gleichgewicht gebracht.

Ich glaube: selbst wenn alle Unqualifizierten hierzulande ausgebildet würden, mehr Arbeitsplätze hätten wir dadurch noch nicht geschaffen. Wir werden um Arbeitszeitverkürzung nicht herumkommen, wenn Arbeit knapper wird.