Carl-Friedrich von Welzsäcker: Mit der Kernenergie leben", ZEIT Nr. 12/13

Wann eigentlich kommen nach den endlosen Serien von Fürsprechern für die Atomenergie auch einmal kritische Stimmen zu Wort?

Manfred Lück, Ahaus

Die wissenschaftlich-technische Welt besteht nicht nur aus technisch hochentwickelten Nationen, sondern auch aus solchen, in denen nicht einmal Stahlwerke von ganz konventioneller Technologie sinnvoll betrieben werden können. Dennoch geht von Weizsäcker davon aus, daß auch der Energiezuwachs in diesen Ländern durch Kernenergiekraftwerke gedeckt werden soll. Schon bei uns ist es nicht leicht, Personal für die Arbeit in Kernkraftwerken zu gewinnen. In Entwicklungsländern wurde häufig beobachtet, daß Projekte nach Abzug europäischer Techniker nicht sinnvoll und effizient weiterbetrieben werden. Bei Kernkraftwerken wäre das besonders gefährlich, zumal der ungenügende Bildungsstand in solchen Ländern die Gefahren der nicht mit den fünf Sinnen wahrnehmbaren Strahlung nicht voll einschätzen kann, und daher einen verantwortlichen Umgang mit solchen Einrichtungen nicht gewährleistet.

Der Zusammenhang zwischen Energiewachstum und Sicherung der Arbeitsplätze geht von der weit verbreiteten Ansicht aus, daß mehr Arbeitsplätze mit einem höheren Energieverbrauch gekoppelt sind. Auf einer Tagung der Gesellschaft für Verantwortung in der Wissenschaft wurde aber überzeugend dargelegt, daß in der Bundesrepublik mit ihrem hohen Lohnniveau der Stromverbrauch und die Investitionstätigkeit nicht zur Schaffung von Arbeitsplätzen, sondern zu deren Einsparung führen. Es ist zu begrüßen, daß von Weizsäcker der Energieersparnis die erste Priorität einräumt. Ebenso, wie wir unseren Planeten nicht beliebig aufheizen können, können wir ihn auch nicht beliebig ausbeuten. Die eigentlichen Risiken liegen nicht (jedenfalls nicht allein) in den ökologischen Gefahren, sondern in der Gigantomanie eines Industriezweiges, der sich zutraut, mit riesenhaften und zahllosen Kernkraftwerken den Energiebedarf einer immer bequemen werdenden Bevölkerung zu befriedigen. Deshalb können Kernkraftwerke nur die Versorgungslücke schließen helfen, die dadurch entstanden ist, daß wir versäumt haben, uns rechtzeitig von einer exponentiell wachsenden und regelmäßig durch Kriege wieder zurückgeworfenen Wirtschaftsform auf eine Wirtschaftsform umzustellen, in der die Ausbreitung von Wissen es den Menschen ermöglicht, ihr Leben und das ihrer Nachkommen so zu planen, daß wir im kleinen wie im großen einen stabilen Zustand mit menschenwürdigen Lebensbedingungen für möglichst viele gewinnen und erhalten.

Dipl.-Chem. Dr. Heinrich Ruhemann, Darmstadt

Selten habe ich einen Artikel mit so viel Achtung vor Ernst und Fairneß und mit so viel Zustimmung gelesen – bei gleichzeitiger Ablehnung eines entscheidenden Punktes – wie den von Carl-Friedrich von Weizsäcker. Ich halte ebenfalls die Entscheidung für Kernenergie für fast zwangsläufig, die Argumente für verständlich und achtenswert und halte dennoch diese Entscheidung für im Prinzip nicht vertretbar. Der Anteil an Irrationalem wird bei dieser Haltung nicht geringer sein als bei der entgegengesetzten, aber die Perspektive ist anders.