Noch immer, auch hundert Jahre nach der Geburt des am 15. April 1878 in Herisau geborenen Schriftstellers Robert Walser, gilt, was Joseph Viktor Widmann, Redaktor am "Sonntagsblatt des Bund", am 8. Mai 1898 schrieb, als er "Lyrische Erstlinge" eines "zwanzigjährigen Handlungsbeflissenen" veröffentlichte: "Ich fühlte mich ungemein angezogen durch wirklich neue Töne."

Dies ist die erste öffentliche Äußerung über den Schriftsteller Robert Walser – und sie gilt heute noch. Man kann viele Texte dieses noch immer zu wenig bekannten Autors gelesen haben, und wird doch, bei neuer Lektüre, immer wieder durch die "wirklich neuen Töne" dieses verschlossenen Erzählers überrascht Die Äußerung findet sich im ersten der beiden Bände "Über Robert Walser", mit denen der neue Robert-Walser-Verlag – Suhrkamp auch hier – den Dichter zum hundertsten Geburtstag ehrt (herausgegeben von Katharina Kerr; st 483/484, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt, 1978; 220 und 488 S., 6,– und 9,– DM).

Im Suhrkamp Verlag erscheint jetzt auch Robert Walsers "Gesamtwerk" (zwölf Bände in Kassette; bis zum 31. Dezember 1978: 98,– DM, danach 125,– DM). Die Taschenbuchausgabe ist ein "um Fehler bereinigter Nachdruck" der Ausgabe "Das Gesamtwerk", die Jochen Greve jahrelang im Kossodo Verlag, Anières/Genf hausgebracht und 1975 abgeschlossen hat Robert Walser soll nicht gefeiert werden, ohne daß wir der entbehrungsreichen verlegerischen Tat von Helmut Kossodo gedenken, der sich um diesen in seiner Stille mächtigen Dichter gekümmert hat, als dies noch ein Wagnis, auch ein finanzielles, war. Suhrkamps Werkausgabe enthält – noch – nicht den Band "Briefe", der in Kürze als "suhrkamp taschenbuch" erscheinen wird.

Als Lesehilfe und Anreiz für die zwölfbändige Werkausgabe erscheint bei Suhrkamp außerdem der Band Robert Walser: "Lektüre für Minuten" (224 S., 10,– DM) – eine repräsentative Sammlung der wichtigsten und originellsten Gedanken des Schweizer Autors.

Das nächste Buch über Robert Walser bereitet der Suhrkamp Verlag an diesem Wochenende in der Schweiz vor: zum 100. Geburtstag finden in Zürich und Biel Veranstaltungen statt: "Robert Walser zu Ehren", die der Verlag zusammen mit der Präsidialabteilung der Stadt Zürich und dem Robert-Walser-Archiv der Carl Seelig-Stiftung in Zürich ausrichtet Neben einem Kritiker-Gespräch am 14. April, in der Universität Zürich, moderiert von François Bondy, gibt es eine Lesung im Kongreßhaus: Aus Robert Walsers Werk lesen unter anderen Ilse Aichinger, Alfred Andersch, Thomas Bernhard, Hans Magnus Enzensberger, Max Frisch, Peter Handke, Walter Höllerer, Uwe Johnson, Wolfgang Koeppen, Adolf Muschg und viele Schweizer Autoren. Am 15. April wird in der Helmhaus-Wasserkirche eine Ausstellung über Robert Walser und seinen Maler-Bruder Karl eröffnet. Am Nachmittag wird im Schauspielhaus der Robert-Walser-Zentenarpreis an Ludwig Hohl verliehen. Nach der Laudatio auf den Preisträger wird Martin Walser die Festrede auf seinen Vorgänger-Namensvetter halten. Im Volkshaus Zürich gibt es am Abend, bei Brezen, Wein und Käs’, einen "Hommage à Robert Walser" als "literarisches Fest" mit Lesungen von Schweizer Schriftstellern aus ihrem Werk (unter anderen: Silvio Blatter, Jürg Laederach, Gerhard Meier, E. Y. Meyer, Erica Pedretti, Hans-Jörg Schneider, Gerold Späth und mit Schweizer Liedermachern). Durch den Abend führt Franz Hohler. Zur Person des Dichters werden Zeitgenossen und Kollegen interviewt, unter ihnen der in Paris lebende Romancier und Dramatiker Joseph Breitbach. –elis