Hilferuf aus Prag

Rechtzeitig zum Besuch des tschechoslowakischen Staats- und Parteichefs Husák in Bonn wurde ein Brief aus Prag herausgeschmuggelt, worin die deutschen Sozialdemokraten und Gewerkschaften zur Hilfe für einen Genossen aufgerufen werden. Vor einiger Zeit wurde der 48 Jahre alte Arbeiter Miroslav Cerny aus Liberec zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, weil er Plakate zur Unterstützung der Bürgerrechtsbewegung "Charta 77" aufgehängt haben soll. Cerny, seit einem Verkehrsunfall im Jahre 1951 Epileptiker, ist an Leib und Leben ernstlich bedroht. Da er nicht voll arbeitsfähig ist, erhält er mindere Lebensmittelrationen, und da er die Arbeitsnorm nicht erfüllt, wird er öfters mit Einzelhaft bestraft. Außerdem werden ihm im Gefängnis Plzen-Boresch dringend benötigte Medikamente vorenthalten.

Dichter im Verhör

Der sowjetische Geheimdienst hat sich ein neues Argument ausgedacht, um Dissidenten als Kriminelle behandeln zu können: Jüngst wurden der Leningrader Dichter Burichin und dessen Freunde wegen "ungesetzlicher Ausübung des polygraphischen Gewerbes" verhört. Acht Stunden lang durchsuchte das KGB die Wohnung des Dichters; die Polizisten nahmen Manuskripte und westliche Buchausgaben mit. In den letzten Jahren hatte Burichin in ausländischen Zeitschriften, so auch im Kontinent, Gedichte veröffentlicht. Seinen Arbeitsplatz in Leningrad verlor er bereits 1974, weil er sich geweigert hatte, als Zeuge in politischen Prozessen auszusagen. Trotz der neuerlichen Verfolgung hält Burichin an der Absicht fest, mit seiner Frau einer Einladung nach Israel zu folgen.

Integration nach Größe

Sogar abgebrühte Bonner Partygänger lehrt die Bundeswehr durch die Präzision Respekt, die sie selbst bei ihren Festivitäten walten läßt. Wer sich zum "Ball des Heeres" im Mai anzumelden und dabei auch Töchter und Söhne mitzubringen gedenkt, muß nicht nur deren Vornamen und Alter, sondern ebenso ihre Größe angeben. Das aber hat keineswegs etwas mit einer listigen Kontrolle der Altersangaben zu tun, sondern mit dem ästhetischen Sinn der Streitkräfte. Denn höflich stellen sie für die jungen Damen uniformierte Ballbegleiter und wollen auch bei rein zivilen Paarungen vermeiden, daß die Größenunterschiede zwischen Tischherrn und Tischdame allzu kraß ausfallen. Der kleinste Leutnant der Bundeswehr im Pflichttanz mit einem Zwei-Meter-Teenager – das soll und darf nicht sein. Die vielberufene Integration der bewaffneten Macht in die Gesellschaft, über die sich Bundespräsident Scheel erst kürzlich sorgenvoll äußern zu müssen meinte: Von der Bundeswehr wird sie mit Akribie auch auf dem Parkett betrieben.

Thilo Vogelsang gestorben