Im Fenster des Tübinger Club Voltaire Franz Josef Degenhardts Konterfei, wie er sich am Mikrophon zu schaffen macht. Gleich darunter verkündet Wolf Biermann vom Plakat, ein Lied der Revolution von 1848 abwandelnd: "Trotz alledem!" Der Beobachter der Songszene ist geneigt, den Slogan auf das angrenzende Poster zu beziehen.

Gewiß hat Degenhardt allzu deutlich nach einem Gleichgewicht gesucht: Solidarität mit dem ausgebürgerten Kollegen auf der einen – und Skepsis gegenüber dessen Ausnutzung durch die bürgerlichen Medien auf der anderen Seite. Gewiß auch, hat Biermann manch grobes, unfreundliches Wort über Väterchen, Franz verloren. Es ist mehr die Eitelkeit der Stars und Eifersucht zwischen den bekanntesten deutschen Liedermachern und weniger eine ernsthafte politische Differenz, was die beiden trennt. Für das Publikum aber sind diese Tratschgeschichten auf die Dauer unergiebig und langweilig.

Denn das eint die zwei, die zur Zeit im Tourneewettbewerb durch die Lande ziehen: Sie beide werden von Politikern und rechter Journaille angegriffen und verleumdet, von Rundfunk und Fernsehen gemieden. Allenfalls zu Diskussionen und Talkshows lädt man die skurrilen Vögel ein. Singen, bitte schön, sollen sie doch in der Badewanne. Erst unlängst setzte der NDR kurzfristig Degenhardts (nun unvermittelt zu neuer Aktualität gelangte und wohlgezielt als zweites Lied im Programm plazierte) "Befragung eines Kriegsdienstverweigerers" ab.

Beiden auch, Biermann wie Degenhardt (und zwischendurch auch Hannes Wader), wirft man in regelmäßigen Abständen und nicht ohne demagogisches Kalkül ihren relativen Wohlstand vor: Seht da, die sich für die Ausgebeuteten und Erniedrigten einsetzen, wohnen selbst im eigenen Häuschen in der smogfreien Vorstadt! Welch billige Einfalt: als wäre der Sozialismus eine Philosophie der Armut! Worauf es ankommt, ist ja nicht die Abschaffung, sondern die gerechte Verteilung des Eigentums. Und diese Gerechtigkeit ist nicht zu erlangen, indem Sänger auf den Schinken zum Abendbrot verzichten und statt dessen Almosen vergeben.

Gern auch behaupten Kundige – die aber die beiden offenbar nicht hörten –, Degenhardt und Biermann hätten bloß gesungene Leitartikel zu bieten. Beharrlich wird ein Satz aus dem Jahre 1968 zitiert von den Zwischentönen, die Krampf im Klassenkampf seien. Degenhardt hat sich längst und programmatisch – und nicht immer zu seinem Vorteil, wie ich meine – von diesem Bekenntnis gelöst. Aber was soll die Wahrheit, wenn die Lüge doch für viele so bequem ist.

Die deutschen Liedermacher haben sich von ihren Vorbildern, von Georges Brassens und vom amerikanischen Protestsong, von Brecht und vom traditionellen Arbeiterlied, emanzipiert. Sie fanden ihren eigenen Stil, der geprägt ist von politischem Ernst und von darstellerischer Zurückhaltung. Freilich: der Konflikt zwischen didaktischem Engagement und bloßer Show bleibt nicht aus, wenn die Tourneen einen Biermann oder einen Degenhardt in plakatierte und räumliche Nachbarschaft mit Freddy Quinn und Eric Burdon, mit Howard Carpendale und Joan Armatrading, mit Michel Sardou und Chick Corea, mit Johnny Cash und Kris Kristofferson bringen. Der Betrieb hat seine eigenen unbarmherzigen Gesetzmäßigkeiten. Daran ändert sich auch nichts (allenfalls in den Eintrittspreisen), wenn politisch aktive Organisationen wie der pläne-Verlag, die Kulturinitiative Frankfurt und das Sozialistische Büro die Tourneeleitung übernehmen.

Beide, Degenhardt und Biermann, haben ihr Stammpublikum, das Gesinnungsapplaus spendet und ein wiedererkanntes Lied nach dem ersten Vers beklatscht. Degenhardt stellt in seinen Songs aus den letzten fünfzehn Jahren mit aktuellen Kommentaren und Rückblenden seine eigene Entwicklung und die der deutschen Gesellschaft dar. Er läßt sich dabei von einer Band begleiten, in der der Mundharmonikaspieler Uli Rademacher auffällt. Er beginnt mit seinem "Schlager", den "Schmuddelkindern", und ist am stärksten dort, wo er sich in eine Rolle begibt, in der erwähnten "Befragung" etwa oder in der "Belehrung eines Lehramtskandidaten", im "Wildledermantelmann", in "Arbeitslos".