Von Werner Dageför

Die Angestellte in einem Frankfurter Reisebüro konnte es kaum glauben: Soeben hatte sie zwei Flugscheine nach New York zum normalen Linientarif verkauft. "Das kommt immer seltener vor", wunderte sie sich, "denn das Gros der Amerika-Flieger bucht meist zu Sonderkonditionen!" So klagt man etwa bei der Pan American darüber, daß der Anteil der Vollzahler auf der Route über den Nordatlantik längst unter 20 Prozent gefallen ist. In der Branche heißt es bereits: "Wer fürs Fliegen den vollen Preis zahlt, ist ein Snob – oder er kennt die Luftfahrttarife nicht."

Doch wer sich auskennt, kommt derzeit billiger in die Vereinigten Staaten als je zuvor. Seit April gilt beispielsweise der (von den West-Alliierten genehmigte) sogenannte "Budget-Tarif der Pan American für Flüge von Berlin nach New York. Das Rückflugticket kostet mit 658 Mark nur rund ein Drittel des Normaltarifes. Berliner Hawaii-Passagiere zahlen 1288 Mark und sparen damit nicht weniger als 2082 Mark. Die Discount-Dienste der Amerikaner sind an einige Bedingungen gebunden, die jedoch für die meisten Interessenten kaum ein unüberwindliches Hindernis bilden dürften. Ihren genauen Abflugtermin erfahren die Pan Am-Passagiere nämlich erst sieben bis zehn Tage vor dem Start. Buchen und bezahlen muß man mindestens 21 Tage vor der geplanten Abflugwoche.

Zu denselben Konditionen wollte Pan American auch aus Hamburg, Frankfurt und München starten. Doch das Bundesministerium für Verkehr in Bonn, das alle Flüge von und nach Deutschland genehmigen muß, schmetterte nach kurzer Bedenkzeit (und einer vermeintlich kräftigen Intervention der Deutschen Lufthansa) den Antrag der Amerikaner ab. Da bereits viele Tickets zum Sonderpreis verkauft worden waren, drohte das Ministerium am 31. März 1978 mit einer Geldbuße von 10 000 Mark für jeden einzelnen Passagier, den die Pan Am trotz Verbotes befördern würde.

Auf Grund amerikanischen Drucks sahen sich die Bonner jedoch verpflichtet, wenigstens den sogenannten "Holiday"-Tarif zuzulassen, der seit 1. April gültig" ist und von der Lufthansa und Pan American (hier unter dem Namen "Super Apex") angeboten wird. Hin- und Rückflug von Frankfurt nach New York kosten 887 Mark, von Juli bis September werden 150 Mark mehr verlangt. Bedingungen: Bei der Buchung (mindestens 45 Tage vor Abflug) muß das Ticket bezahlt werden; der Aufenthalt in den USA muß mindestens 14 und darf höchstens 45 Tage betragen. Zwei weitere amerikanische Luftfahrtgesellschaften – Trans World Airlines (TWA) und National Airlines – wollen "Super Apex" noch in diesem Sommer ebenfalls einführen.

Bei der Deutschen Lufthansa sieht man dem zunehmenden Preisverfall mit erheblicher Skepsis entgegen. Dr. Herbert Culmann, seit acht Jahren Vorstandssprecher der deutschen Fluggesellschaft, befürchtet eine katastrophale Entwicklung, die letztlich zum immer schnelleren Sturzflug in die roten Zahlen führen müsse. Vor amerikanischen Geschäftsleuten in Bonn schoß er sich kürzlich auf US-Präsident Jimmy Carter ein, der für das Tarif-Chaos maßgeblich verantwortlich ist. Culmann: "Die gegenwärtige amerikanische Luftfahrtpolitik trägt dazu bei, ein Weltluftfahrtsystem funktionsunfähig zu machen, das sich bewährt hat!"

Zwar flog die Lufthansa auf ihrem gesamten Liniennetz im Gegensatz zu Konkurrenten wie British Airways, Air France, Pan Am oder TWA in den letzten Jahren kontinuierlich Gewinne ein, doch im Nordatlantikverkehr mußte man sich seit langem mit Verlusten abfinden. Die auf dieser Strecke operierenden Liniengesellschaften sollen nach einer Untersuchung der Association of European Airlines allein in den letzten sieben Jahren ein Defizit von rund 2,5 Milliarden US-Dollar eingeflogen haben.