Fürth

Sie trugen Gebetsmäntel und Transparente. Dort, wo vor der Nazizeit Münchens Hauptsynagoge stand, warnten jetzt 60 Vertreter jüdischer Jugend- und Studentenorganisationen aus der Bundesrepublik und Frankreich vor einem Trend, der schon einmal in die Katastrophe führte: der Verharmlosung rechtsradikaler Bestrebungen in Deutschland.

Was die jüdischen Studenten erschreckt, bewegt bayerische Politiker schon länger. just in dem Bundesland, in dem einst die fragwürdige "Hauptstadt der Bewegung" lag, keimen nun unter Jugendlichen wieder Neonazismus und Antisemitismus auf. In München ortete der Kreisjugendring sogar in städtischen Freizeitheimen eine in ihren Ursachen noch nicht ergründete Hitlerwelle; und im mittelfränkischen Fürth schlossen sich Bürger zu einem Selbsthilfe-Komitee zusammen, um eine Front gegen Neonazis zu organisieren und anfällige Jugendliche durch Aufklärung vor braunen Rattenfängern zu bewahren.

In Mittelfranken, das einst das Mekka der Nazis beim alljährlichen Nürnberger "Reichsparteitag" war, begann der Spuk schon vor einigen Monaten. Da wurde der als Kriegsverbrecher einsitzende Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess von einer neonazistischen Gruppe zum Kandidaten für die Europawahl gekürt, und bei der Spielwarenmesse tauchten neonazistische Flugblätter auf. Die Schießübungen von organisierten Neofaschisten machten sogar weltweit Schlagzeilen. Als schließlich in Fürth vor kurzem die Synagoge besudelt wurde, Hakenkreuze an jüdische Wohnhäuser und Läden geschmiert, Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof umgeworfen wurden und antisemitische Hetzparolen auftauchten, ging eine Welle von Erregung durch die Bevölkerung. "Das ist eine sehr ernste Angelegenheit, gegen die Demokraten sofort etwas tun müssen", befand der SPD-Bundestagsabgeordnete Horst Haase und rief zur Gründung eines Bürgerkomitees auf.

Die Bürger von Fürth sind gegen neonazistische Tendenzen ohnehin überaus sensibel, denn schon seit dem Mittelalter ist in der Stadt der Anteil jüdischer Mitbürger höher als in anderen bayerischen Kommunen. Damals wurde den Juden in Nürnberg das Wohnrecht entzogen, worauf sie ins benachbarte Fürth übersiedelten und nur tagsüber in die Reichsstadt Nürnberg pilgerten. Als der Nazi-Terror losbrach, wurden in Fürth mehr Familien betroffen als anderswo.

So hagelte es denn auch Proteste und Strafanzeigen, als jetzt der im bayerischen Verfassungsgericht als neonazistische Gruppe eingestufte "Kampfbund deutscher Soldaten" vor Fürther Schulen gezielt Hetzschriften mit antisemitischen Parolen verteilte. Doch obwohl dies zeitlich mit den Hakenkreuzschmierereien zusammenfiel, konnte die Polizei mangels rechtlicher Möglichkeiten nicht einschreiten, was SPD-Haase für "ganz miserabel" hält. Nach Ansicht von Oberstaatsanwalt Hans Sachs, der bundesweit weniger als Jurist denn als Fernseh-Mitrater bei "Was bin ich?" bekannt ist, scheiterte ein Polizeieinsatz allerdings nicht an gutem Willen, sondern an schwachen Gesetzen: "Für nichts wäre ich dankbarer, als für klare Bestimmungen, die hetzerische Äußerungen aus jeder Richtung unter Strafe stellen."

Haase wartete nicht darauf, sondern schritt zur Tat. Er lud 20 politisch Interessierte zur Gründung des Bürgerkomitees ein. Als über 150 kamen, wertete der Abgeordnete dies trotz der lautstarken Anwesenheit von zehn Kommunisten als "ziemliche Demonstration", die freilich sehr schnell handfeste Formen angenommen hätte, wenn Haase nicht den ungeladen erschienenen Sprecher des Soldaten-Kampfbunds "zu seinem eigenen Schutz" aus dem Saal verwiesen hätte.