In den deutschen Börsensälen ist die Stimmung plötzlich umgeschlagen. Schuld daran sind die steigenden Kurse an der New Yorker Börse sowie die Ankündigung der Regierung in Washington, notfalls die Goldreserven zur Verteidigung des Dollarkurses einsetzen zu wollen. Ein stabiler, ja sich unter Umständen sogar festigender Dollar könnte in der Tat die internationalen Kapitalströme in der Welt verändern und die Ausländer veranlassen, ihre auf Mark lautenden Anlagen zu liquidieren. Darunter würden die deutschen Renten- und Aktienkurse gleichermaßen zu leiden haben. Der Druck, dem gegenwärtig die Notierungen der auf Mark lautenden Auslandsanleihen unterliegen, wird von einigen Experten bereits auf den Exodus ausländischer Investoren zurückgeführt. Vielleicht ist das aber nur die halbe Wahrheit. Fest steht, daß der Markt durch eine Häufung von Neuemissionen übersättigt ist.

Seit Wochenbeginn haben bei den Aktien auf breiter Front Gewinnrealisationen eingesetzt. Auf der Verkaufsliste stehen soldie,Papiere obenan, bei denen der Kursanstieg in der jüngeren Vergangenheit am kräftigsten war – ohne Rücksicht auf Renditegesichtspunkte. So kommt es, daß auch die bislang für kursstabil gehaltenen Versorgungsaktien in den Strudel der allgemeinen Abwärtsbewegung hineingeraten sind. Ebenso wie alle Standardaktien, in denen überproportional Ausländer vermutet werden. Ihre Zusammensetzung nach Herkunftsländern hat sich nach Feststellungen der Deutschen Bank in letzter Zeit wesentlich verändert. Der Grund: die Körperschaftsteuerreform. Aktionäre aus der Schweiz, aus Holland und anderen traditionellen Anlegerländern haben sich – weil jetzt steuerlich diskriminiert – von deutschen Aktien zurückgezogen. Ihr Anteil ist von den "Neureichen", also von Investoren der Ölförderländer übernommen worden, die andere Ziele verfolgen als die Erzielung einer möglichst hohen Rendite. Jetzt wird sich zeigen, ob die neuen Besitzer ihre deutschen Papiere als Daueranlage oder nur als spekulatives Engagement betrachten.

Nicht alle deutschen Börsianer beurteilen die Kursentwicklung deutscher Aktien nachhaltig pessimistisch. Sie verweisen darauf, daß in den USA die Inflationsrate steigt und Maßnahmen zur Wiederherstellung der Stabilität ergriffen werden müssen. Das bedeutet steigende Zinsen – und sie vertragen sich nicht mit gleichzeitig steigenden Aktienkursen. Und ein stabiler Dollar durch Goldverkäufe? Auf die Dauer kann die amerikanische Währung nur durch eine vernünftige Energiepolitik, durch Einsparung von Öldollar, gesunden. Und davon sind die USA noch weit entfernt. Kurt.Wendt