Von Joachim Nawrocki

Es ist schon wieder so weit. "Man darf die Arbeiter und Angestellten nicht zur Ruhe kommen lassen; sie müssen mit Ideologie in Bewegung gehalten werden", erläutert es ein Ökonom, der die DDR-Wirtschaft aus eigener leidvoller Erfahrung von innen kennt.

"Es" – das ist der "sozialistische Wettbewerb", der nach dem DDR-Wörterbuch der Ökonomie des Sozialismus ein "untrennbarer Bestandteil des ökonomischen Systems des Sozialismus" ist. Und so geschieht’s denn auch, allzeit ist Wettbewerbszeit. Eine "Masseninitiative" löst die andere ab.

Anlässe finden sich immer: DDR-Jubiläen, Parteitage oder auch der hundertste Geburtstag von Lenin. Die letzte große Wettbewerbsbewegung wurde zu Ehren des 60. Jahrestages der Russischen Oktoberrevolution organisiert. Als aber auch die abgefeiert war, mußten sich die Strategen im Parteiapparat etwas Neues ausdenken. Und da aber weder Parteitage noch Jubiläen sozialistischer Klassiker bevorstehen, mußte die SED weit vorausschauen, um einen passenden Termin zu finden – fast zwei Jahre.

Schon Ende vergangenen Jahres erschien ein Aufruf zum 30. Jahrestag der Gründung der DDR, unterzeichnet vom SED-Zentralkomitee, Staatsrat, Ministerrat und Nationaler Front; in dem es hieß: "Vollbringt hohe Leistungen in der Produktion, in Wissenschaft und Technik, in Bildung, Kultur und Gesundheitswesen, bei der Sicherung und beim militärischen Schutz unserer Errungenschaften!"

Seitdem veröffentlichte die SED-Zeitung Neues Deutschland auf unzähligen Zeitungsseiten hochgesteckte Ziele aus allen Wirtschaftsbereichen – alles unter dem Motto: "30 gute Taten zum 30. Jahrestag unserer Republik." Die Kumpel des Mansfelder Kupferkombinates und die Schwarzmetallurgen, die Werktätigen der Kohle- und Energiewirtschaft, die Maschinenbauer, die Arbeiter in der Leicht-Industrie, die Schwermaschinen- und Anlagenbauer, die Werktätigen des Allgemeinen Maschinen-, Landmaschinen- und Fahrzeugbaus und zahlreiche andere Beschäftigte der Industrie, aber auch der Dienstleistungsbereiche und der wissenschaftlichen Einrichtungen meldeten sich mit Selbstverpflichtungen zu Wort.

Weil aber der so geehrte 30. Jahrestag der DDR erst am 7. Oktober 1979 begangen werden kann, fragte ein Leser in der DDR-Zeitschrift: Volksarmee: "Welchen Sinn hat es, den ökonomischen Wettbewerb über einen so langen Zeitraum zu führen?" Die Antwort war ausweichend. Der langfristige Wettbewerb, so hieß es, werde dazu beitragen, "daß die Zeit bis zum 30. Jahrestag der DDR eine weitere erfolgreiche Wegstrecke der sozialistischen Revolution in unserem Vaterland werden wird".