Der Prozeß gegen die Teufelsaustreiber von Klingenberg am Main

Von Jost Nolte

Der Bischof wusch seine Hände in Druckerschwärze: ein neuer Pontius Pilatus. Daß er unschuldig war am elenden Tod der 23jährigen Pädagogik-Studentin Anneliese Michel, nahmen ihm die Juristen schon im Ermittlungsverfahren ab. Zur Hauptverhandlung wurde er nicht einmal als Zeuge geladen. Das Volk, in dessen Namen die Große Strafkammer 1 beim Aschaffenburger Landgericht auch in diesem Fall Recht finden und sprechen soll, zweifelt um so heftiger am Verhalten des Würzburger Oberhirten Josef Stangl.

Hat der Bischof etwa nicht den Exorzismus angeordnet, währenddessen das Mädchen dann in selbstzerstörerischem Wahn starb? Hat er nicht Schweigen geboten, und berufen sich seine angeklagten Untergebenen, der 67jährige Pater Wilhelm Renz und der 40jährige Pfarrer Ernst Alt, nicht unter anderem auf seine Autorität, wenn man sie fragt, warum sie keinen Arzt geholt haben, obwohl sie den lebensbedrohenden Zustand ihrer Schutzbefohlenen hätten erkennen müssen?

Anneliese Michel starb am 1. Juli 1976 im Hause ihrer Eltern in Klingenberg am Main. Sie war unter den Augen ihrer Familie, einiger verschworener Freunde und der beiden Priester verhungert und verdurstet (DIE ZEIT Nr. 15/78). Ihren ausgemergelten Körper – sie wog schließlich nur noch 30 oder 31 Kilogramm – hatte sie mit wilden Kraftübungen strapaziert: bis zu 600 Kniebeugen am Tag, und sie hatte sich gefährliche Verletzungen beigebracht. Dem Hausarzt genügte ein Blick. Er stellte einen „unnatürlichen Tod“ fest. Daß darauf eine Anklage wegen fahrlässiger Tötung folgen mußte, lag auf der Hand.

Der Bischof aber, der nicht eingegriffen hatte, obwohl ihm die Exorzisten getreulich über den bösen Verlauf der Austreibung berichtet hatten, ließ am 12. August, sechs Wochen nach Annelieses Tod, im Diözesanblatt wissen, daß er einen sehr modernen Begriff vom Teufel habe. Es widerspreche, so schrieb er, dem Glauben der römisch-katholischen Kirche, „von einem Menschen zu behaupten, er sei etwa schon im Mutterleibe verflucht worden oder es seien die bösen Geister stärker als die guten“. Besessenheit sei wohl zumeist eine schwere Erkrankung. Sie könne freilich auch ein „besonders tiefes Eintauchen in den Leidensweg Jesu“ sein. Im übrigen wolle Gott, daß ein Mensch dem anderen mit allen Mitteln helfe, auch mit dem Ruf nach dem Arzt. Der Bischof fügte hinzu: „Es kann nicht Aufgabe der Kirche sein, den Menschen Schrecken vor dem Bösen einzujagen.“

Bischof Stangl hielt sich klug daran, „das Böse“ zu diskutieren; „den Bösen“, den Leibhaftigen, ließ er aus. Dr. Hubertus Brandenburg, Weihbischof von Osnabrück und Bischofsvikar für Hamburg und Schleswig-Holstein, ein Gottesmann mit Erfahrung in der Diaspora also, war nicht so zimperlich. Er bekannte, für ihn sei der Teufel nicht nur eine Idee, etwa die Idee des Bösen, sondern der Gott-sei-bei-uns sei „im Geistigen auszumachen als ein Wesen“ und eine „personale Macht außerhalb des Menschen, die den Menschen beeinflußt“.

Weit farbiger hatte vier Jahre zuvor die höchste Autorität der katholischen Christenheit vom Teufel gesprochen. Papst Paul VI. hatte am 29. Juni 1972 in der Peterskirche gesagt, daß „durch eine Ritze der Rauch des Satans in den Tempel Gottes gedrungen“ sei. Zu erkennen sei die „Intervention einer feindlichen Macht“. Und: „Ihr Name ist der Teufel“. Fünf Monate später erläuterte der Papst in einer Pilgeransprache: „Der Teufel ist eine wirkende Macht, ein lebendiges geistliches Wesen, verderbt und verderbend, eine schreckliche Realität, geheimnisvoll und beängstigend.“

„...du nichtsnutziger Drache“

Dies muß wissen, wer versucht, den Wahnwitz der Teufelsaustreibung von Klingenberg am Main zu begreifen. Im Hause des Sägewerksbesitzers Josef Michel lief das Tonband und wurde photographiert, während nach den Vorschriften des Rituale Romanum – es stammt aus dem Jahre 1614 und wurde 1952 leicht redigiert – der große Exorzismus gebetet wurde, in dem es unter anderem heißt: „Im Namen des unbefleckten Lammes, das über die Nattern und die Ottern schritt, erzittere und fliehe, du nichtsnutziger Drache.“ Anneliese Michel legte, bevor sie sich unter den Beschwörungen wand und wie ein Tier schrie, bisweilen selbst die Bänder auf und setzte das Gerät in Gang. Die Welt sollte erfahren, daß es den Teufel gibt.

Den Teufel? Nicht nur einen, nicht nur Luzifer, sondern auch Millionen anderer, von denen neben dem Höllenfürsten fünf aus der „Besessenen“ sprachen: Kain, Judas, Nero, Hitler und ein Pfarrer Fleischmann, der vor dreihundert Jahren in Ettlingen ein Mädchen verführt und erschlagen haben soll, was den Pfarrer Ernst Alt, der heute in Ettlingen „Seelenführer“ ist, besonders beeindrucken mußte.

Die Teufel quälten nicht nur ihr Opfer, sie erörterten mit den Exorzisten auch Fragen des Glaubens und der Kirche. Teils in eigener Zuständigkeit, teils nach dem Diktat der Gottesmutter, der sie zu ihrem Schmerz gehorchen mußten, verrieten sie, was ein frommer Christ von Reformen wie der Einführung der Handkommunion und der Erlaubnis, vor Gott zu stehen statt zu knien, halten muß: nichts nämlich, gar nichts, denn alle Reform kommt vom Teufel.

Zuweilen scherzten die Dämonen grimmig, die von Anneliese Michel Besitz ergriffen hatten. Sie höhnten den biederen Pater Renz, als er ihnen vorhielt, daß sie ein Wort wie „Demut“ nicht kennen. Während Hitler, der dümmste von ihnen, immer nur „Heil, heil, heil“ schrie, rühmte sich Luzifer, aufrecht vor Gott gestanden zu haben. Judas mokierte sich, daß nicht er, sondern Petrus den Herrn verraten habe. Judas in breitestem Fränkisch: „Un der sitzt nu da obe un glotzt nunne.“

Auch und vor allem aber gaben die Teufel preis, daß es in diesem Jahrhundert mehr Heilige geben werde als in allen Jahrhunderten zuvor – vermutlich doch wohl, weil unser Säkulum mehr Heilige braucht, da ein „Tag des Gewölks, des Sturmes, des Dunkels, des Fragens, der Unsicherheit“ (Paul VI.) angebrochen ist.

Eine der prospektiven Heiligen ist eine Bäuerin die es sich vor einigen Jahrzehnten nicht verdrießen ließ, tagtäglich von ihrem Dorf Rück-Schippach nach Aschaffenburg zu laufen, um die Kommunion zu empfangen. Ihr zu Ehren fand sich ein Bund zusammen, der in Rück-Schippach eine eigene Kirche bauen wollte, damit aber nie fertig wurde. Wie es der Zufall – oder eine höhere Fügung? – wollte, wurde eines Tages Pater Renz Seelsorger in jener Gemeinde, und während des Exorzismus erfuhr er nun von den Dämonen, daß Anneliese Michel das Werk der Bäuerin fortführen oder gar vollenden sollte. Wird also auch die „Besessene“ von Klingenberg zu den Heiligen erhoben werden?

Anneliese Michel – so rundet sich das Bild – war nicht nur von den Dämonen besessen; ihr offenbarte sich wärend ihres Leidens auch die Gottesmutter. Die Exorzisten, die Familie und die wenigen Vertrauten wußten es, obwohl Anneliese darüber nicht sprach. Sie durfte darüber – nicht reden, denn die heilige Jungfrau hatte ihr gesagt, sie werde sie das Schweigen lehren. Folglich schwieg Anneliese von der Fastenzeit 1976 bis zum Tag ihres Todes immer beharrlicher. Doch wer sie sah, erkannte an ihren Füßen Wundmale, und sie selbst wußte, daß auch ihre Hände stigmatisiert waren. Dort freilich brachen die Wunden nicht auf. Hätten sie es getan, so wären sie auch Uneingeweihten vor Augen gekommen. Das durfte nicht sein. Alles war geheimzuhalten. Der Bischof hatte es geboten.

Das Leiden der Anneliese Michel war Sühne: für Deutschland, vor allem für die deutsche Jugend, der vom Rauschgift und von der Aufhebung des Paragraphen 218 Verderben drohte, auch für einige Priester, die vom wahren Glauben ließen, und für „eine bestimmte Person“. Diese Person, das raunt man in Aschaffenburg, war der Münchner Erzbischof Döpfner, wie jedermann weiß, ein „Modernist“, der kurze Zeit nach Anneliese Michel das Zeitliche segnete.

Geistlichem Rat gefolgt

Der Griff zum Ohr ist im Aschaffenburger Gerichtssaal obligatorisch. Die Akustik ist miserabel. Doch daran liegt es am wenigsten, daß man seinen Hörwerkzeugen nicht traut. Stets und ständig meint man, sich verhört zu haben, aber dann ist doch gesagt worden, was man gehört hat: Ausgebreitet wird ein Wahn. Ihn haben die Exorzisten Renz und Alt nebst einigen dann und wann zugelaufenen Kollegen, ihn haben die Eltern Michel, ihn haben Annelieses Schwestern, ihr Freund und besagte Vertraute im Verein mit der „Besessenen“ geschaffen.

Die Überlebenden nennen den Wahn Sühnebesessenheit. Noch heute aber gilt für sie jedes Wort, das Anneliese Michel während der Exorzismen gesprochen hat. Sie räumen ein, daß die Teufel dann und wann gelogen haben mögen. Teufel lügen eben. Bewiesen ist dennoch, was zu beweisen war: die leibhaftige Existenz der Dämonen und die Macht der Gottesmutter. Der Prozeß ist in den Augen der Angeklagten gewiß ein Sakrileg. Da er nun einmal nicht zu verhindern war, verkünden sie in ihm ihre Botschaft, wider Willen, aber unbeirrbar.

Zu Beginn der Hauptverhandlung hat der Angeklagte Josef Michel, der Vater des Opfers, erklärt, er würde heute in der gleichen Situation nicht anders handeln. Er verstehe nicht, daß er für sein Gottvertrauen bestraft werden solle. Eine Strafe aber werde ihn und seine Frau nicht brechen. Gefolgt sei er geistlichem Rat, der Anordnung des Bischofs und eigener Überzeugung. Dieser Erklärung schloß sich Anna Michel, Annelieses Mutter, an. Seither schweigen die beiden, von wenigen Einwürfen abgesehen.

Unerschütterliches Gottvertrauen

Josef Michel, er ist sechzig Jahre alt, wirkt auf der Anklagebank eher gutmütig-stur. Als er sich in einer Verhandlungspause mit dem Reporter eines Lokalblattes anlegt, der in seinem Bericht den Teufel nicht ernstgenommen hat, kann von Gutmütigkeit allerdings nicht mehr die Rede sein. Michel schimpft lauthals und sieht aus, als wollte er dem Mann an den Kragen. Anna Michel, drei Jahre jünger als ihr Mann, zeigt nur Gemütsleben, wenn von der Krankheit ihrer Tochter die Rede ist. Dann weint sie, denn für sie war Anneliese nicht krank, sie war besessen. Wer es anders sagt, kränkt die Mutter. Als vom Exorzismus-Tonband „Vater unser“ und „Ave Maria“ tönen, bewegt Anna Michel die Lippen. Sie betet mit. Einmal springt sie erregt auf: ein weiteres Tonband soll gespielt werden. Es sei „sehr interessant“.

Nein, eine Strafe wird Josef und Anna Michel. nicht brechen. Ihre Art von Gottvertrauen bewahrt sie davor. Haben sie nicht mit sechs Teufeln gekämpft? Wie soll sie da noch der Spruch eines irdischen Gerichtes aus der Bahn werfen?

Der Salvatorianer Wilhelm Renz, genannt Pater Arnold, weißhaarig, beim geringsten Anlaß milde lächelnd, könnte für die mütterliche Güte seiner Kirche Reklame laufen. Muß er seinen Stolz dämpfen, als er berichtet, daß er fünfzehn Jahre lang in China Missionar war und dort den gefährlichen „Einfluß der Dämonen auf die Menschen“ erlebt hat? – Er muß es nicht. Allenfalls blickt er in der fröhlichen Gewißheit zurück, auch im Fernen Osten unter den Heiden Gott gedient zu haben.

Wie als Exorzist in Klingenberg. Mit Zittern und Zagen, so hat er seinem Bischof geschrieben, ist er an die schwere Aufgabe herangegangen, aber sie wurde zum „kostbaren Erlebnis“, zur „ganz großen Bereicherung“. Sie bestätigte auch in den riskantesten Augenblicken den Glauben: Einmal war Pater Renz in Sorge, daß Anneliese Michel das Augenlicht verlieren könne. Sie war mit dem Kopf durch die Glasscheibe einer Tür oder gegen die Wand gerannt oder hatte sich mit den Fäusten das Gesicht bearbeitet; Die Augenpartie war „blau-schwarz-grün“ verquollen. Pater Arnold aber vertraute auf die Gottesmutter, und siehe, die Augen heilten wieder.

Anneliese Michel soll krank gewesen sein? Epileptisch? Hysterisch? Wahnsinnig? Für Pater Arnold gab und gibt es darauf nur eine Antwort: Annelieses Besessenheit war luzide. Ihren Willen konnten die Dämonen zeitweise ausschalten, ihr Bewußtsein nicht. Wenn der Exorzismus unterbrochen wurde, weil die Beteiligten eine Tasse Kaffee brauchten, war das Mädchen sofort „voll da“ und bedauerte, klug und einsichtig, daß es dem guten Pater soviel Mühe und soviel Kummer bereitete. Es sagte: „Sie wissen doch, die Dämonen machen mit mir, was sie wollen. Gelt, Pater Arnold?“

Wegen dieser Einsicht war zu respektieren, daß Anneliese Michel keinen Arzt sehen wollte, und daß sie nichts so sehr fürchtete, wie in eine Heilanstalt gebracht zu werden. Und nicht nur ihr Geist war wach, auch ihr Körper war bei Kräften. Die 600 Kniebeugen waren eine „beträchtliche sportliche Leistung“. Die Kraft des Mädchens ließ sich nicht einmal dadurch bändigen, daß man es ans Bett fesselte, um weitere Verletzungen zu vermeiden. Da nämlich bewegte sich Anneliese trotz der Fesseln auf und nieder – im „Galopp wie ein Pferd“. Daß sie dann plötzlich starb, hatte niemand vorhergesehen. Für den Juli 1976 hatte sie eine große Wende der Dinge angekündigt. Natürlich hatten alle auf eine Wende zum Guten gehofft...

Nein, auch den Pater Arnold kann ein irdisches Gerichtsverfahren nicht beirren. Das

  • Fortsetzung nächste Seite
  • Fortsetzung von Seite 67

Schlimmste daran ist für ihn, daß der Bischof blamiert wird, obwohl man alles getan hat, den hohen Herrn aus der Sache herauszuhalten.

Und Pfarrer Ernst Alt aus Ettlingen? Er hat dafür gesorgt, daß der Bischof den Exorzismus anordnete. Dann hat er weisungsgemäß die „Hauptlast“ dem Pater Arnold überlassen. Doch Alt war bei vielen Exorzismen dabei, und einmal ist er eingesprungen, als es zur Krise kam und der Pater nicht erreichbar war. Alt hat Anneliese Michel in sein Pfarrhaus geholt. Außerdem hat er nicht nur an ihr beobachtet, was die Teufel anrichten können; er hat es auch am eigenen Leibe erfahren.

Das war, als dem Pfarrer Alt ein Freund und Mitbruder aus Aschaffenburg zum erstenmal von Anneliese Michels Besessenheit berichtete. Alt hatte eine Vision: Er hatte die ihm noch unbekannte Familie Michel vor seinem geistigen Auge – genau, wie er sie später in Klingenberg antraf. Er fühlte Übelkeit und eine unbezwingliche Erregung. Beim Abendessen spürte er dann einen Stoß in den Rücken, obwohl niemand hinter ihm stand. Es roch intensiv nach Feuer und Schwefel.

Später wurde alles nur noch ärger. Pfarrer Alt durchlebte die unruhigste Nacht seines Lebens. In seinem Schlafzimmer breitete sich infernalischer Gestank aus: abermals Brand- und dazu Kloaken-Geruch. Im Schrank polterte es. In seiner Verzweiflung betete Ernst Alt den kleinen Exorzismus, und endlich wichen die schlimmen Erscheinungen. Ein wunderbarer Veilchenduft erfüllte den Raum. Alt traute seinen Sinnen nicht. Narrte ihn womöglich sein Rasierwasser? – Nein, am Körper und am Schlafanzug haftete nur Schweiß.

Als Ernst Alt dann zum erstenmal Anneliese Michel gegenüberstand, sah er, daß sich ihrer von rückwärts ein schwarzer Schatten bemächtigen wollte, und als sie ihn wieder alleingelassen hatte, konnte er nicht auf dem Stuhl Platz nehmen, auf dem sie gesessen hatte. Kein Zweifel, der Teufel war am Werk.

Dies hat der Pfarrer Ernst Alt dem Bischof Josef Stangl geschrieben. Der Bischof aber hat dem Pfarrer nicht angeraten, schleunigst in eigener Sache einen Psychiater aufzusuchen. Der Bischof hat „nach guter Information und reiflicher Überlegung“ den Exorzismus angeordnet, jenen Exorzismus, der zum Tode Anneliese Michels führte.

Pfarrer Ernst Alt hat im Prozeß mit gelassener Überlegenheit Rede und Antwort gestanden – bis zu dem Moment, da dieser Brief verlesen wird. Als dies geschehen ist, springt er auf und erklärt, als Mann der Kirche und Seelsorger Anneliese Michels fühle er sich von den Richtern bloßgestellt. Er ist weit von der Einsicht entfernt, daß es – Blöße oder Nicht-Blöße – um seine Schuld am Tode eines Menschen geht. Er will, wie seine Mitangeklagten, nicht sehen, daß ihn die Mitwirkung Anneliese Michels an ihren Qualen und schließlich an ihrem Tod nicht entlasten kann. Ihm ist verborgen geblieben und bleibt weiterhin verborgen, daß er dem verzweifelten und gerade in seiner Theatralik entsetzlichen Versuch einer Kranken Vorschub geleistet hat, ihre Krankheit Zu leugnen:

Anneliese Michel litt – dies steht nach den Aussagen aller Ärzte, die sie behandelt haben, fest – an Epilepsie. Wie viele Epileptiker wollte sie ihre Krankheit nicht wahrhaben. lieber glaubte sie sich in den Fängen der Dämonen, und als großen Trost entwickelte sie neben dem Besessenheitswahn den Gnadenwahn. Sie wähnte sich, so schlimm ihr die Ängste auch zusetzten und wozu sie immer von ihnen getrieben wurde, in der Gnade der Gottesmutter.

Auch in den angeblich lichten Phasen ihrer Krankheit arbeitete Anneliese Michel an ihrer Doppelrolle. In schwer erträglichem, gewolltnaivem Ton beteuerte sie dem Pater Renz nicht nur: „Ach, ich hab’ so ein Grauen gehabt!“ Sie klagte nicht nur: „Daß es so schlimm, so furchtbar, so grausam ist...“ und rettete sich in ein kindlich-furchtsames Lachen. Sie sagte auch in verdächtigem Vertrauen in ihr Schicksal: „Ich muß immer an den Ölberg denken und daß der Herr Jesus den Todesschauer so gehabt hat wie ich. Natürlich unvorstellbar schlimmer noch.“ Lichte Phasen? Die Exorzisten gehorchten offensichtlich nur allzu, gern den „Entscheidungen aus freiem Willen“, die Anneliese Michel dann scheinbar traf. Gegen die Vorschrift des Rituale Romanum sorgten sie nicht für ärztliche Hilfe – auch nicht, als das Mädchen, so Pfarrer Alt in einem Brief an Bischof Stangl, „zum Skelett abgemagert“ war. Statt dessen stürzten sich Priester und Eltern begeistert in ihre eigenen Rollen. Sie spielten exorzistische Schmiere. An diesem Theater ist Anneliese Michel gestorben.

Das Gericht will in der nächsten Woche sein Urteil fällen. Sein Spruch wird kaum das letzte Juristen-Wort in dieser Sache sein. Die Verteidigung hat sich längst ihre Revisionsgründe zusammengeholzt, und auch die Staatsanwaltschaft dürfte einiges im Ranzen haben. Wie immer aber die letzte weltliche Instanz entscheidet, sie wird die Angeklagten vielleicht zum heiligen Zorn reizen, zur Vernunft werden sie darüber nicht kommen, und ihre Bischöfe werden weiterhin in wohlgesetzen Worten über das Böse als Idee oder den Bösen als Person weissagen.

Schwurgericht Aschaffenburg: Große Strafkammer 1. Vorsitzender Richter: Elmar Bohlender, Beisitzende Richter: Fritzsche, v. Tettau. Staatsanwälte: Karl Stenger, Josef Wagner. Verteidiger: Dr. Erich Schmidt-Leichner, Marianne Kunkel-Cichos, Dr. Walter Matzke, Maria Thora, Frithjof Lipinski. Sachverständige: Prof. Dr. Hannes Sattes, Prof. Dr. Eberhard Lungershausen, Priv.-Dozent Dr. Klaus Köhler, Priv.-Doz. Dr. Ernst Schulz.