Es war wie beim Fußball – nachher redetenalle von dem, der nicht mitgespielt hatte. Wäre "er" dabeigewesen, wäre alles sicher ganz anders gelaufen, wäre der Erfolg viel eindeutiger ausgefallen. Gewiß, der Ersatzmann lieferte eine wackere, stellenweise sogar erstklassige Partie. Aber der ganz große Zauber fehlte.

Die Rede ist nicht vom Fußballkünstler Beckenbauer. Sondern von Minetti, dem Schauspielkünstler. Der Vergleich wird Minetti nicht kränken – weil, er Beckenbauers Fußballkunst kennt und liebt. Ob Beckenbauer Minettis Schauspielkunst kennt und liebt, ist eher zweifelhaft: der Fußballkünstler fährt ja lieber nach Bayreuth.

Wie auch immer: in Stuttgart, bei der Uraufführung von Thomas Bernhards neuem Stück "Immanuel Kant", redeten alle von Minetti. Minetti saß im Parkett und so erinnerte er stumm, doch unüberhörbar daran, wie sehr er auf der Bühne fehlte. Er hatte den Zirkusdirektor Caribaldi gespielt in Thomas Bernhards bisher bestem und witzigstem Theaterstück ("Die Macht der Gewohnheit"), und er hatte den Schauspieler Minetti gespielt in "Minetti". Als Immanuel Kant konnte oder mochte er nicht auftreten – obwohl (oder gerade weil) die Rolle viel mehr mit Caribaldi und "Minetti" zu tun hat als mit dem Königsberger Philosophen.

Also spielte Peter Sattmann Immanuel Kant: ein sehr junger, ganz außerordentlicher Stuttgarter Schauspieler – dessen größter Triumph bisher der Truffaldino in Niels-Peter Rudolphs Goldoni-Inszenierung "Der Diener zweier Herren" gewesen ist. Er hätte noch viel besser sein können, als er war – und wäre doch nicht gegen die Erinnerung an Minetti angekommen. Die Enttäuschung über ihn, die nörgelnden Vergleiche sind begreiflich, aber ungerecht. Man stelle sich vor, Minetti müsse den Diener zweier Herren spielen – dann etwa hat man eine Ahnung, auf welch aussichtsloses Abenteuer sich Sattmann eingelassen hatte.

Ein junger Schauspieler spielt einen alten Mann. Vielleicht war es ein Fehler, daß Sattmann und sein Regisseur Claus Peymann bei diesem Verwandlungskunststück das Theaterübliche taten. Also: dem Schauspieler eine Theaterglatze aufsetzten, das Gesicht grau puderten, ihm mit Schminke Falten und Furchen malten. Ein schlürfender Gang, eine hohe, krächzenden Singsang produzierende Altmännerstimme, große, ausdrucksvolle, etwas fuchtelige Gebärden: zur Verstellung fehlte nichts, zur Darstellung fast alles. Denn Bernhards Immanuel Kant ist (wie Caribaldi, wie "Minetti") eine nicht nur wortmächtige, sondern ihre Wortmacht despotisch mißbrauchende Figur. Ihre Sätze über den Unfug der Welt, die Erbärmlichkeit des Menschen, die Niederträchtigkeit der Kunst, all diese bekannten Bernhardschen Verzweiflungslitaneien wiederholen nicht nur, höchst pathetisch und höchst pauschal, die Philosophie ihres Autors, sondern verzerren sie ins Groteske, machen sie komisch und angreifbar: als wort- und selbstverliebtes, ganz und gar österreichisches Querulantentum. Daß es nicht nur eine Altersweisheit gibt, sondern auch eine Altersbosheit, einen Altersstarrsinn und -hochmut, daß die Beredsamkeit von Bernhards Hauptfiguren oft die pure Geschwätzigkeit ist, daß es eine Lebens- und Machtgier alter Leute gibt, die vielleicht mit der Nähe des Todes zu tun hat – wer Sattmanns sehr subtilen, aber zwangsläufig harmlosen Verstellungsbemühungen zusah, bekam von diesem Zusammenhang zwischen Komik und Todesnähe, Scharfsinn und Senilität kaum einen Eindruck. Vermutlich wäre es ergiebiger gewesen, auf alle Maskeraden, auf Glatze und Puder zu verzichten. Ein junger Schauspieler als alter Philosoph: es wäre nur eine Unwahrscheinlichkeit mehr gewesen in einem ohnehin unwahrscheinlichen Stück.

Denn Kant fährt nach Amerika. Kant, der nie aus Königsberg hinausgekommen ist, reist auf einem Luxusdampfer nach New York. Es ist nicht touristische Neugier, die ihn treibt: "Ich hatte niemals das Verlangen / nach Amerika / Eine Amerikareise ist eine Perversität" Dem Philosophen droht Erblindung; die amerikanischen Ärzte, hofft er, werden ihn vom Grauen Star erretten. "Du bringst Amerika / die Vernunft / Amerika gibt dir das Augenlicht sagt Frau Kant zu Herrn Kant. In Begleitung des Denkers außerdem: Ernst Ludwig, Kants tumber, halbschwachsinniger, das Stück über nahezu stummer Bruder, und Friedrich, Kants Papagei. Ein Wundertier – in dessen Kopf angeblich alle Vorlesungen gespeichert sind, die Kant jemals gehalten hat. "Deshalb ist Friedrich auch / der Meistgehaßte / am meisten hassen ihn die Universitätsprofessoren / denn er sitzt immer / an erster Stelle / Die Professoren beneiden ihn / um seine Aufmerksamkeit / Es entgeht ihm nichts / während den Gelehrten beinahe alles entgeht

Ein See-Stück. Kant sitzt auf seinem Liegestuhl, doziert, schwadroniert; terrorisiert Familie und Schiffspersonal. Die Schiffssirene qualmt und tutet, der Papagei schläft oder krächzt oder schwätzt. Was er von sich gibt ("Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit oder: "Imperativ Imperativ Imperativ"), erlaubt freilich einige Zweifel an seinen wunderbaren philosophischen Fähigkeiten. Ein Mann, seekrank, mit froschgrünem Gesicht, stürzt an die Reling und kotzt ins Meer – worauf Friedrich die Kotzgeräusche imitiert. Frau Kant, die lieber ans Abendessen denkt als an die Philosophie, kokettiert mit dem Steward. Eine überaus geschwätzige Mitreisende ("Die Millionärin") redet hirnlos drauflos – da hat Bernhards Haß auf Society und Society-Geschwätz eine gruselige Spottfigur geboren. Die Dame versteht nichts, redet aber über alles, am liebsten über Kunst: "Von Rembrandt geht für mich / so eine unglaubliche Faszination aus / Wie er die Farbe verteilt / er weiß immer / wohin mit der Farbe." Das Theater allerdings liebt sie nicht: "Ich gehe nicht mehr ins Theater / es hat nichts mehr zu bieten / das Theater ist ein Anachronismus / ... Kennen sie Strindberg / Das ist ein Mann / alles andere ist nichts / da ist es besser ich nehme ein heißes Fußbad / als daß ich ins Theater gehe."