Die Stimmung ist merkwürdig verschieden. Die sowjetischen Herolde der Breschnjew-Visite in Bonn äußern schöne Hoffnungen und bedeutende Erwartungen. Von der Wichtigkeit der deutsch-sowjetischen Beziehungen ist die Rede, von neuen Impulsen für wirtschaftliche Kooperation und politische Entspannung. In Bonn dagegen sieht man dem Besuch Anfang Mai wenig enthusiastisch entgegen. Und diplomatische Freundlichkeit verbirgt nicht ganz die zweifelnde Frage, die keineswegs nur im notorisch skeptischen Auswärtigen Amt gestellt wird: Was eigentlich fängt man mit dem Staatsgast an?

Wenn bei den Sowjets die Tatsache, daß die Beziehungen zwischen Bonn und Washington ziemlich strapaziert sind, den Drang nach Bonn verstärkt haben sollte, so läge der Reise Leonid Breschnjews jedenfalls eine Fehlkalkulation zugrunde. Nichts kann sich ein Bonner Kanzler gegenwärtig weniger leisten als Sowjetische Schützenhilfe in diesem Streit.

Was aber gibt es sonst zu-bereden? Konkrete Projekte wohl kaum. Zwei Abkommen, eines über Rechtshilfe, das andere über wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit, dazu ein Kulturprogramm liegen still auf der langen Bank. Die Wirtschaftsbeziehungen haben sich nicht unerfreulich entwickelt, sind aber schwer weiter auszubauen. Daran wird auch der Besuch wenig ändern. Es bleibt der Bereich der Entspannung im allgemeinen und der Rüstungsbegrenzung und der Lage Berlins im besonderen. Durchbrüche freilich sind auch da nicht zu erwarten, allenfalls tastende, wenn’s hoch kommt: klärende Gespräche. Nicht zufällig wird in Bonn die verlegene Formel benutzt, der Besuch habe einen Wert an sich.

Die Formel ist nicht einmal so falsch. Tatsächlich müssen Moskau und Washington ein Interesse haben, ihre Beziehungen, die sich jetzt in einer Mittellage zwischen gut und schlecht bewegen, nicht noch weiter abrutschen zu lassen. Und gelingt dies, darf man sogar von einem Erfolg sprechen.R. Z.