Von Rolf Zundel

ZEIT: Herr Bahr, Sie haben im vergangenen Herbst auf dem Hamburger SPD-Parteitag der SPD erklärt, daß Sie von Ihrem Urteil über die Neutronenwaffe nichts Wesentliches zurückzunehmen hätten. Halten Sie diese Waffe auch heute noch für das Ergebnis einer Perversion des Denkens?

Bahr: Ich habe selbstverständlich seit Hamburg eine ganze Menge dazugelernt, über die technische Wirksamkeit der Neutronenwaffe und manches andere, was für ihre Beurteilung wichtig sein könnte. Ich habe in dem einen Punkt, den Sie ansprechen, überhaupt nichts dazuzulernen. Erinnern wir uns an die Diskussion über den Fortschritt der Technologie mit Automation, mit Robotern, mit Rationalisierung und mit all den Gesetzmäßigkeiten, die dadurch entstehen – was geschieht da eigentlich mit den Menschen? Dies interessiert uns, und dies müssen wir uns doch fragen, um gegen das Übermaß von nacktem Materialismus und das materielle Denken angehen zu können. Und wir fragen – das ist eine Schicksalsfrage der Menschheit –: Welches sind eigentlich die Werte, nach denen wir entscheiden?

Auch bei der Diskussion über die Neutronenwaffe geht es um die Frage nach den Werten. Wenn es zum Beispiel als Fortschritt hingestellt wird, daß die Erhaltung der Materie wichtiger ist als die Erhaltung des Menschen, dann stellt sich der Mensch an den Rand; dies halte ich als Sozialdemokrat für pervers.

ZEIT: Ist es sinnvoll, mit einem moralischen Verdikt eine politische Debatte zu eröffnen, die in Verhandlungen hineinführen soll. Wie kann man eine Waffe als Verhandlungsobjekt benützen, auch nur als Instrument, um Abrüstungsgespräche zu eröffnen, wenn man sie selber schon vorher zur perversen Waffe erklärt hat?

Bahr: Das ist nur scheinbar ein Widerspruch; denn wenn ich sage, ich bin gegen Mord, heißt das ja nicht, daß ich dagegen bin, darüber zu diskutieren, daß es trotzdem Mörder gibt und daß wir Strafgesetze haben müssen. Ich habe immer gesagt, daß die Neutronenwaffe nun einmal in die Welt gesetzt worden ist und daß niemand mehr imstande ist das Wissen, das der Menschheit zugewachsen ist, wieder in die Truhe des Vergessens zu sperren. Das heißt: Wir müssen mit dem Ding umgehen, aber wir müssen uns trotzdem seiner Größenordnung bewußt bleiben. Was im übrigen das abartige Denken angeht, so habe ich das nie dem amerikanischen Präsidenten vorgeworfen.

ZEIT: So hat Franz Josef Strauß Sie interpretiert ...