Zwischen zwei großen Projekten, dem 1976 in Kalifornien verwirklichten "Running Fence" und der allen Widerständen zum Trotz weiterhin hoffnungsvoll anvisierten Verhüllung des Berliner Reichstags, hat er in München eine Miniatut geschaffen, ein Kabinettstück sozusagen: die Verpackung der Galerie Art in Progress. Das ist der originellste Beitrag zur diesjährigen gemeinsamen Ausstellung der Galerien in der Maximilianstraße, bei der man sich auf das Thema "Architektur – Räume – Projekte" geeinigt hat – und wohl auch die staunenswerteste Zweckentfremdung Münchner Galerieräume seit, vor ziemlich genau zehn Jahren, Walter de Maria für seine "Dirt Show" Erde in die Galerie Friedrich schaufeln ließ.

Christo hat mit eigens aus Chikago eingeflogenen Stoff-Planen, die bei Malerarbeiten zum Schutz vor Farbspritzern notwendig sind, die Fußböden abgedeckt, die Stellwände verhängt und die Einrichtungsgegenstände verschnürt. Die Wände, an denen normalerweise Bilder zu sehen sind, sind leer, Christo hat keine Kunstwerke mitverpackt, die Galerie selbst ist das Kunstwerk. Damit bewegt sich Christo zwar im System Kunst, das er sonst sprengt – das Medium Ausstellung benutzt er üblicherweise nur zur Vorstellung seiner Entwürfe, diesmal ist das Projekt, eine Installation, die Ausstellung – ermöglicht aber so das direkte, nicht bloß durch Photos vermittelte Erlebnis seiner Arbeit. Inzwischen, die Galerie will schließlich auch, verkaufen, sind die Räume wieder ausgepackt. Zu sehen sind nun Collagen und Zeichnungen von realisierten und nicht realisierten Projekten Christos – unter anderem die zur verpackten Galerie...

Mit Christos Arbeit einer Dokumentation von Palermos Wandzeichnungen und -maiereien (bei Heiner Friedrich) und auf die räumliche Situation der Galerie Hermanns bezogene Skulpturen von Diet Sayler, Heiko Tappenbeck und Teodosio Magnoni (seine Arbeit ist noch in Rom, wird aber wohl irgendwann in München ankommen) ist der Aspekt "Räume", wörtlich verstanden, erschöpft. Allenfalls sind die Bühnenbildentwürfe Caspar Nehers, Stichwort: Bühnenraum, und die Möbelentwürfe Bernhard Pankoks, Stichwort: Innenraum, noch hinzuzurechnen (beide bei Gunzenhauser). Die überwiegende Mehrzahl der fünfzehn beteiligten Galerien hat sich für das Thema "Architektur" entschieden.

Arnoldi-Livie zeigt Entwurfszeichnungen von Josef Maria Olbrich, einem der führenden Architekten der Jahrhundertwende, aus dem Besitz der Berliner Kunstbibliothek. Olbrich hat die für das Bauen des Wiener Jugendstils kennzeichnende Spannung zwischen dem kubisch aufgefaßten Raumkörper und dem ornamental gestalteten Detail aufzulösen versucht – beim Ausstellungsgebäude der Wiener Sezession ist ihm dies auch gelungen. Wie er die blockhafte Architektur mit der filigranartigen Kuppel, die sich darüber wölbt, zur optischen Einheit verschmolzen hat, kann man an seinen Skizzen nachverfolgen.

Architekturzeichnungen von besonderem lokalhistorischem Interesse findet man in der Galerie Biedermann. So die Ansicht der von Klenze errichteten Glyptothek am Königsplatz, gezeichnet von seinem Konkurrenten Friedrich von Gärtner, dann einen Entwurf für den Münchner Hauptbahnhof, im romanischen Stil, von Friedrich Bürklein, der die Maximilianstraße gestaltet hat, oder Entwürfe für einen gotisierenden Zentratkirchenbau und eine antikisierende Grabkapelle von Daniel Ohlmüller, dem Erbauer der Mariahilf-Kirche in der Au. Heutige Architektur, münchnerisch ebenfalls, bei Schellmann und Klüser – hier sind, die Premiere ist etwas verspätet, die Zeichnungen aus dem Büro Behnisch und Partner zur Olympia-Architektur zu sehen. Graphische Paraphrasen Otto Herbert Hajeks zu der Kunstlandschaft in der Stadtmitte von Adelaide (Australien), vollendet 1977, zeigt die Galerie von Abercron.

Einige wichtige Beiträge beschäftigen sich mit Architektur-Utopien von gestern und heute, menschenfreundliche, wie Hundertwassers naive, aber sympathische Vorschläge zur Durchgrünung unserer Städte (Galerie Thomas), und ungemütliche, wie Will Insleys Zeichnungen menschenleerer Bauwerke, die irgendwann in der Zukunft ausgegraben worden sind – Monumente einer Megalopolis, in der der Große Bruder herrschte (Galerie Orny).

Hermann Finsterlins Architekturvisionen aus den Jahren um 1920 (bei Heseler), Entwürfe, die Zukunftsarchitektur vorwegnehmen sollten, waren aus organischen Formen entwickelt. Sein am Vorbild der Natur orientiertes Vokabular, Schneckenhaus und Wogenkamm, stand in denkbar größtem Gegensatz zur Sprache des rechten Winkels, dem Verständigungsmittel des Internationalen Stils der zwanziger Jahre. Ähnlich hat auch der Österreicher Frederick (Friedrich) Kiesler, der seit 1926 in den Vereinigten Staaten lebte, eine biomorphe Architekur entworfen. Mit der rationalen Struktur einer "Stadt im Raum" (1925), einer konsequenten Übertragung der Prinzipien des Stijl auf die Stadtgestalt, hatte er erstmals Aufsehen erregt. Später hat er mit dem Entwurf des "Endlosen Hauses", das auf die Bedürfnisse seiner Bewohner abgestimmt war, und dem eines Universaltheaters, das neue Möglichkeiten der Theaterarbeit eröffnen sollte, Architekturen gezeichnet, die eine Aktivierung des Raums, in dem der Mensch sich bewegt, anstrebten; beide Projekte sind nicht verwirklicht worden. Tatsächlich gestaltet hat er lediglich Ausstellungen, auf eine völlig neuartige, heute noch überzeugende Weise zum Beispiel Peggy Guggenheims "Art of this Century" (New York, 1942) und geradezu halluzinatorisch eine Schau seiner surrealistischen Freunde (Paris, 1947). Die Galerie Pabst macht auf diesen Architekten und Designer aufmerksam, der zu den wichtigen Anregern der Jahre vor und nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte. (Alle Ausstellungen dauern bis Anfang Mai, einige länger; Katalog 10 Mark)

Helmut Schneider