Von Reinhard Kaden

Kassel

Paul G. ist seit drei Jahren blind. Kurz nach dem 60. Geburtstag war er mit seinem Auto ins Schleudern geraten. Sicherheitsgurte hatte der routinierte Fahrer stets abgelehnt, er prallte mit voller Wucht gegen die Windschutzscheibe. Das splitternde Glas verletzte seine Augen so sehr, daß jede ärztliche Hilfe zu spät kam: Trotz verschiedener Operationen war Paul G. nur noch in der Lage, hell und dunkel zu unterscheiden. Seinen Beruf konnte der diplomierte Chemiker nicht mehr ausüben. Da man ihm auf dem Arbeitsamt von einer Umschulung abgeraten hatte, ging Paul G. notgedrungen vorzeitig in Pension.

Zuvor an ein großes Maß Selbständigkeit gewohnt, war er nun sogar bei Kleinigkeiten auf fremde Hilfe angewiesen, Mit dem Sehvermögen hatte er auch seine Bewegungsfreiheit verloren. Nach und nach gewöhnte sich Paul G. jedoch an die veränderten Lebensbedingungen: Er fand sich in seiner Wohnung wieder zurecht und mit Hilfe eines Blinden-Führhundes konnte er ohne Begleitperson ausgehen.

Daß ihm ein Tier so sehr nützlich sein könnte, hätte Paul G. nie gedacht: Hasso stoppt vor jedem Hindernis, sei es eine im Weg stehende Mülltonne oder der herabhängende Ast eines Baumes, er führt seinen Besitzer sicher über die Straße und findet sogar auf das Kommando "Such Ausgang!" wieder aus dem verwinkelten Rathaus heraus.

Die Kosten für die Anschaffung des Hundes hatte damals die Krankenkasse übernommen; bis Ende 1977 erhielt Paul G. von ihr einen monatlichen Pauschalbetrag für den Unterhalt des Hundes und auch die Kosten für die Haft-Pflichtversicherung des Tieres ersetzt. Grundlage für diese Leistungen der Kasse war der Paragraph 182 b der Reichsversicherungsordnung (RVO): "Der Versicherte hat Anspruch auf Ausstattung mit Körper-Ersatzstücken, orthopädischen und anderen Hilfsmitteln, die erforderlich sind, um einer drohenden Behinderung vorzubeugen, den Erfolg der Heilbehandlung zu sichern oder eine körperliche Behinderung auszugleichen. Der Anspruch umfaßt auch die notwendige Änderung, Instandsetzung und Ersatzbeschaffung sowie die Ausbildung im Gebrauch der Hilfsmittel."

Seit Anfang 1978 muß Paul G. die Kosten für seinen Hund allerdings selbst tragen. Anlaß dafür ist ein Urteil des Bundessozialgerichtes (BSG) in Kassel. Das höchste Sozialgericht hatte entschieden (AZ: 3 RK 7/77): "Ein Blinden-Führhund ist weder ein Körperersatzstück noch ein orthopädisches noch ein anderes Hilfsmittel im Sinne des § 182 b RVO." Und daraus wiederum ergibt sich, daß die Krankenkasse "in Sachen Führhund" nicht zuständig ist.