Ware der Abgeordnete Herbert Gruhl ein Sozialdemokrat, dann würden jetzt die politischen Kommentatoren in Bonn darüber meditieren, ob die SPD noch regierungsfähig sei. Der Christdemokrat Gruhl tat still und selbstverständlich, was einige SPD-Abgeordnete mit weithin sichtbaren Gewissensqualen und unter Anteilnahme der Öffentlichkeit vorgeführt hatten: Er stimmte gegen seine Fraktion.

Gruhl, engagierter Umweltpolitiker und Kernkraftgegner, hielt die Koalitionsentscheidung über die Neutronenwaffe, in der es hieß, die Entscheidung des amerikanischen Präsidenten müsse für Fortschritte bei der Kontrolle und Begrenzung der Rüstung genutzt werden, gerade eben noch für akzeptabel. Das "undifferenzierte Pro" der eigenen Fraktion aber lehnte er ab, wie übrigens auch sein Fraktionskollege Werner. Während Werner seinen Protest nur in interner Fraktionssitzung an den Mann brachte, stimmte Gruhl öffentlich mit der Koalition.

Sehr viel Glück hatte die Union in dieser Abstimmung ohnehin nicht: Einige Christdemokraten verpaßten sie, und die Union unterlag mit 240 zu 225 Stimmen. Ihr parlamentarischer Geschäftsführer Jenninger, dem die mangelnde Präsenz seiner Fraktion schon seit jeher ein Ärgernis ist, verfiel angesichts der neuen Disziplinlosigkeit in schwäbische Grobheit. "Sauhaufen" war einer seiner milderen Ausdrücke.

Bei der nächsten Abstimmung – es ging um den Einspruch des Bundesrats gegen die Antiterror-Gesetze – war Jenningers Herde wieder vollzählig. Diesmal freilich glänzte die Koalition, der es an Präsenz sowieso nie mangelt, auch in neuer Geschlossenheit. Jene vier Abgeordneten, die bei der dritten Lesung gegen die Gesetze gestimmt hatten, wiesen nun, zusammen mit der Koalition, den Einspruch des Bundesrats gegen die Gesetze ab.

Das Zitat der Woche lieferte die Abgeordnete Matthäus-Maier in der Debatte über die Gemeindefinanzen. Angesichts der spendablen Anträge der CDU/CSU-Fraktion steigerte sie sich zu drastischen Metaphern:

"Mir scheint, Sie verfahren erneut nach der Devise: Erst ziehen Sie dem Bund die Hosen aus, und dann beklagen Sie lautstark, daß er nackt dasteht.

(Zuruf von der CDU/CSU: Aber, Frau Kollegin!)