Von Lothar Ruehl

Frederikshaven, im April

Im kühlen Norden, an der dänischen Küste, haben die Verteidigungsminister aus fünf Nato-Staaten Bilanz gezogen, die westliche Nuklear-Bewaffnung und das Kräfteverhältnis zur sowjetischen Gegenmacht überdacht. Diese Bilanz war, wie seit mehreren Jahren schon, nüchtern und ernüchternd, wenngleich von einem Konkurs des Westens nicht die Rede sein kann.

Die Sowjetunion hat in ihren Rüstungsanstrengungen auch seit dem Beginn der Wiener Verhandlungen über einen Truppenabbau in Mitteleuropa und den Salt-II-Gesprächen nicht nachgelassen. Es gibt keinerlei Anzeichen, daß Moskau bei der Verstärkung seiner Angriffskapazität gegenüber Westeuropa zurückgesteckt hat; im Gegenteil: Nach dem Urteil der Nuklearen Planungsgruppe der Nato sind 1977 zum erstenmal zwei neue, weitreichende Angriffswaffen eingeführt worden, die auf Westeuropa zielen:

  • Die sowjetische Mittelstreckenrakete SS-20, von der 120 Stück auf beweglichen Abschußrampen bereitgestellt wurden,
  • das sowjetische Langstreckenangriffsflugzeug Backfire, das zügig nach Westen hin stationiert wird. Mit einer Reichweite von bis zu 3000 Kilometern kann diese Maschine westliche Schiffe im Atlantik, im Mittelmeer und an Europas Küsten oder Ziele auf dem Kontinent mit nuklearen Flugkörperwaffen angreifen.

Glaubwürdige Abschreckung

Daneben werden die Luftwaffe und die Landstreitkräfte der Sowjetunion in Europa mit neuen nuklearen Angriffssystemen ausgerüstet. Moskau steigert ferner die Kapazität der taktischen Gefechtsfeldwaffen seiner Raketen-Artillerie. Die bisherige Überlegenheit der Nato-Streitkräfte im nuklear-taktischen Waffenbereich schrumpft von Jahr zu Jahr, um 1980 wird die Sowjetunion gleichgezogen haben.