Überdruß an Experimenten – Aber einiges an Reformen darf sich Sehen lassen

Von Rudolf Walter Leonhardt

In Frankfurt sieht sich der CDU-Oberbürgermeister durch aufbegehrendes Volk in die bildungspolitische Defensive gedrängt: Die Leute wollen ihre Kitas (Kindertagesstätten) behalten. In Düsseldorf hingegen mußten die regierenden Sozialdemokraten und Freien Demokraten einem Volksbegehren nachgeben: Die Leute wollen keine "Koop"-Schulen haben: Die "Polarisierung" in der Bildungspolitik ist unbestreitbar, aber sie ist nicht parteipolitisch, wie Ministerpräsident Bernhard Vogel behauptet, der es als Kultusminister auch einmal besser wußte. Vielmehr wird sie von den Parteien, die sich im allgemeinen um Bildung wenig kümmern, nur für ihre politischen Zwecke mißbraucht. Darunter hat immer die Partei am meisten zu leiden, die in Bonn die Regierung stellt.

Das waren auch einmal die Unionsparteien. Wer nicht so leicht vergißt, erinnert sich noch, wie in den sechziger Jahren die sozialdemokratischen Landesfürsten laut aufheulten, als die christdemokratische Regierung in Bonn mehr Bundeskompetenzen in Bildungsfragen forderte – mit genau den gleichen Argumenten wie jetzt im "Mängelbericht" der Regierung Schmidt (siehe Seite 45). Von der FDP wollen. wir nicht reden – das ist ein trübes Kapitel. In dieser Partei gab es die klarsten bildungspolitischen Konzepte, aber sie wurden allzuoft dem Koalitions-Opportunismus aufgeopfert.

Das Scheitern einer weder zu Recht noch zufällig den Sozialdemokraten angelasteten Bildungspolitik hat fünf Gründe.

Erstens: Sprunghafte Veränderungen wurden weder den unmittelbar Betroffenen (Schülern, Lehrern) noch den mittelbar Betroffenen (Eltern und Genossen der eigenen Partei) in ihrer unterstellten Notwendigkeit erklärt. Versuche, einen Konsensus herzustellen, blieben die Ausnahme. So entstand der Eindruck: Da wird, ohne Sinn und Verstand, dauernd experimentiert.

Zweitens: Die Existenz einer weit über die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hinausgehenden Interessengemeinschaft aller am Erziehungsprozeß Beteiligten (Dahrendorf: "educational class") und deren Egoismus wurde nicht erkannt.