Von Fritz J. Raddatz

Die Frage ist bereits die Antwort; sie ist wohl auch eher rhetorisch, um nicht zu sagen provozierend, gemeint: Tatsächlich gibt es ein ost-westliches Kartell der Unterdrückung; dessen Spielarten allerdings sind weit aufgefächert, nicht immer sitzt ein Bahro hinter Gittern oder wird ein Erich Fried aus Schulbüchern herausgereinigt. Meist genügt es, Sprachregelungen zu treffen, und dieser vorzüglich komponierte Band –

"Literaturmagazin 8: Die Sprache des Großen Bruders – Gibt es ein ost-westliches Kartell der Unterdrückung", herausgegeben von Nicolas Born und Jürgen Manthey; dnb 91, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, 1978; 315 S., 12,– DM

versucht, diese Gängelung der Sprache aufzudecken. Die Verkrümmungen, die der Band dokumentiert, sind beträchtlich.

Gemeint ist damit nicht zudeckender Mißbrauch, also das verharmlosende Benennen von keineswegs harmlosen Sachzusammenhängen. Auch das wird etwa in dem klug analysierenden Aufsatz von Gerd E. Hoffmann "Bürgernahe Verwaltung – ohne Bürgerbeteiligung" nachgewiesen, etwa wenn er den Begriff des leibhaftigen Bürgerpartners" untersucht. Bereits die Zuordnung leibhaftig, seit eh und je dem Begriffsfeld des Diabolischen zugehörig, ist verräterisch genug. Bürgerpartner nun gar etwas zu nennen in einem Zusammenhang, in dem der Bürger gerade aus jeglicher Partnerschaft herausdividiert wird, nämlich bei der allmächtigen und bald allgegenwärtigen Datenerfassung, ist Schizophrenie, wenn nicht Bösartigkeit. Dieselbe unheilvolle Verniedlichung treffen wir an, wenn die höchst komplizierten atomaren Brutstätten "Meiler" genannt werden, als handle es sich um gemütliche Kohlenbrenner. Man mag schon nicht mehr an Absichtslosigkeit glauben, wenn hier ein Köhlerglaube als sprachliches Kleingeld und Wechselmünze unter die Leute gestreut wird; statt Sand in die Augen. Hartmut Gründler ist dieser sprachlichen Verpackung der Atomenergie, in seinem Aufsatz "Aus dem Wörterbuch des Zwiedenkens" überzeugend auf die Schliche gekommen. Ein Entpackungskünstler.

Nun geht es aber eben nicht nur darum. Wenn Sprache Denken ist, dann verbergen sich hinter solchen sprachlichen Details Denkstrukturen und die Verwachsungen im Denken nicht etwa nur der politischen Öffentlichkeit, sondern auch der Schriftsteller und Theoretiker; die führt dieser Band vor. Eine bestürzende Mischung aus Orientierungslosigkeit und Skepsis. Das brisante Gespräch zwischen Knut Boesers und Michel Foucault zeigt, daß es eigentlich kaum noch eine unangetastete, unbezweifelbare Tradition gibt, auf die man sich beziehen kann: "Seit 120 Jahren gibt es zum erstenmal auf der Welt nicht einen einzigen Punkt, durch den das Licht einer Hoffnung scheinen könnte. Es gibt keine Orientierung mehr. Auch nicht in der Sowjetunion, das versteht sich von selbst. Auch nicht in den Satellitenländern. Auch das ist klar. Nicht in Cuba. Nicht in der palästinensischen Revolution, auch nicht in China mehr, selbstverständliche Nicht in Vietnam, nicht in Kambodscha. Zum erstenmal hat die Linke angesichts dessen, was sich soeben in China ereignet hat – dieses ganze linke europäische Denken, dieses revolutionäre europäische Denken, das seine Bezugspunkte auf der ganzen Welt hatte und auf eine sehr bestimmte Weise verarbeitete, ein Denken also, das sich an Dingen, die außerhalb seiner selbst lagen, orientierte – dieses Denken hat seine historischen Stützen, die es früher an anderen Punkten der Welt hatte, verloren. Hat seine konkreten politischen Stützen verloren. Es gibt keine einzige revolutionäre Bewegung, erst recht kein einziges sozialistisches Land, in Anführungszeichen, auf das wir uns berufen konnten, um zu sagen: so muß es gemacht werden! Da ist das Vorbild! Da ist eine Linie!"

Michel Foucault versucht ja in zahllosen neuen Denkansätzen, dem Rechnung zu tragen, also eine voraussetzungslose Kritik des Bestehenden zu entwickeln wie zu gleicher Zeit eine Kritik an allen bisherigen Voraussetzungen.