Über eine mögliche Zukunft des Buches

Von Hans Magnus Enzensberger

Das Buch und die Demokratie des Westens: ein langwieriges Thema. Doch mich erschreckt das nicht; denn ich bin kein Spezialist. Im Gegenteil: statt meine Perspektive zu verengen oder zu verkürzen, möchte ich sie, übermütigerweise, auch noch. verlängern und über die Zukunft des Buches nachdenken; besser gesagt, über eine mögliche Zukunft des Buches in der Gesellschaftsform, in der wir uns nolens volens eingerichtet haben.

Das Beste an der Zukunft ist der Umstand, daß wir nichts von ihr wissen. Deshalb sind Orakelsprüche in der Regel kurz. Ich bin allerdings weder ein Wahrsager noch ein Futurologe, und auf die Kunst des Hellsehens oder des Kartenlegens verstehe ich mich nicht. Also bleibt mir nichts übrig, als mich an die Tatsachen zu halten, die bekanntlich weitschweifig und widersprüchlich sind. Dem Buch und der Industrie, die es erzeugt, geht es, wie alle wissen, in unserem historischen und sozialen Milieu zugleich glänzend und miserabel. Daß es ihm glänzend geht, beweist ein flüchtiger Blick auf die Statistik. Sie zeigt, daß wir es mit einer der letzten Branchen zu tun haben, die immer noch scheinbar unaufhaltsam wächst. Es wächst die Zahl der Titel, es wächst der Umsatz; die Frankfurter Buchmesse nimmt von Jahr zu Jahr zu und die Amsterdamer Buchwoche auch. Immer dicker werden die Konzerne, immer breiter die Zielgruppen, immer schneller der Cash-flow.

Wo soviel Jubel herrscht, kann es an Miesmachern und Spielverderbern nicht fehlen. Diese griesgrämigen Leute, die natürlich ihrerseits zur Branche zählen, denn sie schreiben ihre Ansichten auf und lassen sie drucken, sehen für das Buch düstere Zeiten kommen; ja, manche von ihnen behaupten sogar, diese düsteren Zeiten seien bereits angebrochen. Ihre Argumente sind nicht gerade neu. Dennoch möchte ich sie in aller Eile ausbreiten; denn man kann nie wissen. Vielleicht haben diese Leute recht.

Voll verkabelter Überfluß

Das Medium Buch geht, ihnen zufolge, schlechten Zeiten entgegen, weil es einer mächtigen Welle von Pressionen und Repressionen ausgesetzt ist. Dabei wirken vielerlei Kräfte zusammen: politischer, ökonomischer, technologischer und ökologischer Druck.