Von Birgit Gessner

Mein erstes Kind kam in Hamburg zur Welt, mein zweites im vergangenen Sommer in der Universitätsklinik von Oxford. In beiden Fällen war zwar die ärztliche Behandlung gleich gut, doch ansonsten, so scheint mir, sind Mutter und Kind in einer englischen Klinik weit besser aufgehoben.

Bei meiner ersten Entbindung in Hamburg beobachtete ich, wie die Mütter entweder viel zu früh nach Hause flüchteten oder aber sich vor Ängstlichkeit nicht von der Klinik trennen könnten. Die Geburt selbst war beherrscht von einem flackernden, tickenden Apparat, der – mit Unterbrechungen durch Betriebsstörungen – Herztöne des Kindes und Wehen anzeigte. Zum Glück gab es einen Ehemann, der dabei sein wollte. Während seiner Abwesenheit blieb ich meistens allein.

Der Klinikaufenthalt war einem erbarmungslosen Vier-Stunden-Rhythmus und dem roboterhaften Wirken von Schwestern unterworfen, die sicherlich sehr effektiv waren. Wehe der Mutter und dem Kind, die ihre wechselseitigen Bedürfnisse nicht in dieser Zeit erledigen konnten. Barsch Wurde man an der Glasscheibe in der Tür des Säuglingszimmers (heute hängt dort eine Gardine) Zurückgewiesen – da könnte ja jeder kommen, um sein Kind anzuschauen! Nackt habe ich mein Kind zum erstenmal zu Hause sehen und spüren können. In der Klinik wurden Gefahren aller Art in Aussicht gestellt: Wochenbettfieber, Brustentzündung, Erstickungstod.

Ganz anders in England. Die oberste Devise war: Don’t worry, darling. Es wurde alles getan, um die Situation so angenehm wie möglich zu machen. Bereits bei den Voruntersuchungen (zuletzt jede Woche) war mir aufgefallen, wie wohl man sich auf einer normalen Liege mit Schreibtischlampe bei einer Untersuchung fühlen kann – besonders, wenn man es gewöhnt ist, von Scheinwerferlicht illuminiert ein Ungetüm von einem Stuhl zu erklimmen.

Bei der Geburt fand nicht nur eine physische, sondern auch eine psychische Betreuung statt. Auf die Anwesenheit des Vaters wurde Wert gelegt. Niemals wurde ich allein gelassen. Schon das Zimmer war so ausgestattet, wie ich es in einem deutschen Krankenhaus noch nie gesehen habe. Die dem Operationstisch gegenüberliegende Wand war mit einer bunten, sonnigen Tapete beklebt, was ein bißchen vom Schmerz ablenkt und die sterile Krankenhaus-Atmosphäre in bürgerliche Gemütlichkeit verwandelt. Zuerst saß ich in einem bequemen Lehnstuhl. Die Entbindung erfolgte dann weitgehend allein durch die Hebamme, die den Patientinnen in den meisten Fällen ebenso wie der Arzt seit langem bekannt ist.

Mir gefiel es sehr, von Frauen umsorgt zu werden. Es gab vertraute Gespräche über Möglichkeiten der Anästhesie oder auch über das Verhalten von werdenden Vätern vor und nach der Geburt. Körperkontakte waren eine Selbstverständlichkeit. Ich hätte nie gedacht, daß Massage oder auch einfaches Umfassen so stark schmerzlindernd wirken können.