Der Zufall fügte es, daß am selben Tage, als sich in Hamburg die sozialdemokratischen Fraktionsvorsitzenden über die Auswirkungen des sogenannten Radikalen-Erlasses bekümmert zeigten, in Berlin jener Mann geehrt wurde, der im Auftrage des Parteirats mit unerbittlicher geistiger Strenge den Trennstrich zwischen Kommunismus und Sozialismus gezogen hat: Richard Löwenthal wurde siebzig. Die Partei hätte seinerzeit keinen besseren für diese Aufgabe finden können. Seine Kompetenz erwies sein Lebenslauf: erst Jungkommunist, dann als Sozialist im Widerstand gegen Hitler, Emigration, glanzvolle journalistische Arbeit für berühmte britische Zeitungen, dreißig Jahre international anerkannte wissenschaftliche Erforschung der Vorgänge im Weltkommunismus und in den Beziehungen zwischen Ost und West.

Es ist ein geistiges Vergnügen, Richard Löwenthal als Redner oder Diskutanten zu erleben. Die Eloquenz seines klaren, präzisen, in sich schlüssigen Vortrags ist ebenso bestechend wie seine analytische Kraft. Unsere Leser kennen sie aus vielen Beiträgen in der ZEIT. Dieser Bürger der atlantischen Welt hat am Otto-Suhr-Institut Generationen von Studenten im demokratischen Geist erzogen. Seine leidvollen Erfahrungen in den Stürmen der Studentenrevolte trieben ihn an die Seite des Bundes "Freiheit der Wissenschaft" – er meint die Reform vor dem Zerstörungswerk ideologischer Intoleranz bewahren zu müssen. Unbequem und widerborstig wie stets, verstörte seine Polemik viele Freunde.

Nicht immer hat er mit seinen Hoffnungen und Befürchtungen recht behalten. Sein noch heute großartiger Gesellschaftsentwurf von 1947 ("Jenseits des Kapitalismus"), in dem er Europa einen dritten Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus vorzeichnete, blieb unerfüllt. Die Gesinnungsschnüffelei im Gefolge des Radikalen-Erlasses hat er nicht wahrhaften wollen. Aber Löwenthal wäre der letzte, Irrtümer nicht einzugestehen, hat er doch vorgelebt und vorformuliert, daß die Wahrheit einzig durch Zusammenarbeit kritisch (wissenschaftlich) denkender Menschen in freier Diskussion Schritt um Schritt erschlossen werden kann: "Nichts, was demokratische Sozialisten schreiben, hat Anspruch auf dogmatische Endgültigkeit." D. Z.