Der Tod des amerikanischen Generals Lucius D. Clay hat in diesem Lande wehmütige Erinnerungen wachgerufen. Als "Vater der Luftbrücke", als "Retter Berlins" wird der einstige Militärgouverneur in ehrendem Gedächtnis bleiben. Dennoch hat dieser zierliche Offizier mit den markanten Zügen und dem wachen Auge seine Aufgabe mit größeren Skrupeln erfüllt, als sein entschlossenes Auftreten und sein markiger Zuspruch an die belagerten Berliner ahnen ließen. Nur zu oft hat er in jenen Tagen widerwillig, aber gehorsam eine Politik befolgt, die nicht die seine war. Und erst die Historiker werden entscheiden, wer denn in dem Bunde zwischen dem Amerikaner Clay und dem Berliner Bürgermeister Ernst Reuter der härtere gewesen ist, wer sich jeweils am anderen moralisch aufgerichtet hat.

Der Bauingenieur und Industriemanager, Senatorensohn aus Georgia, ohne dessen Organisationsgenie Eisenhowers Kreuzzug gen Europa Papierwerk geblieben wäre, hat seinen Namen ins Buch deutscher Nachkriegsgeschichte unverlöschlich eingeschrieben. Denn durch seine harte antisowjetische Politik noch vor der Blockade, durch seinen Entschluß, der alliierten Straf- und Sühnepolitik entgegenzuwirken und die Westzonen wieder wirtschaftlich auf die Beine zu stellen, hat er Westdeutschland eine enorme Hilfe geleistet.

Aber er hat auch seinen Teil zur Spaltung Deutschlands beigetragen, indem er der Etablierung eines westdeutschen Teilstaates schon zu einer Zeit den Vorrang gab, in der ein Einheitsstaat noch nicht völlig unmöglich, schien. Er handelte nicht aus bösem Willen, sondern im Interesse der atlantischen Weltmacht, an deren Mission er glaubte. Zu den Deutschen kam er als hochfahrender Sieger, als Feind, aber er schied als ihr Freund. Sie faßten zu ihm Vertrauen, weil er sie die Sünden ihrer Vergangenheit so rasch vergessen ließ. kj.