Von Ronald Granz

Neu-Ulm

Feste sind immer so gut wie ihre Gäste. So dachte anfangs auch Neu-Ulms Oberbürgermeister Peter Biebl. Schließlich galt es, Hermann Köhl, den Flugpionier und großen Sohn der Stadt mit einer Gedenkveranstaltung "stilecht" zu ehren. Daß sich aber unter den Gästen auch geladene Nazigrößen tummelten, brachte dem höchsten Stadtverwalter nicht nur Zustimmung ein. Heftig geriet er zwischen die Mahlsteine öffentlicher Kritik.

Bereits bei Bekanntwerden der Gästeliste eine Woche vor den Feierlichkeiten für "unseren Helden" mußte Biebl erleben, wie Bürger ihn der "politischen Instinktlosigkeit" ziehen. Denn zu den Geladenen zählten NS-Persönlichkeiten wie der Hitler-Pilot Hans Baur, Jagdbombergeneral Adolf Galland und Fliegerin Hanna Reitsch. Proteste kamen auf und man forderte, die "braune Prominenz" wieder auszuladen – vergeblich.

Die Neu-Ulmer Stadträtin Jutta Oesterle-Schwerin rief daraufhin zum Boykott der Veranstaltung auf, die "zur Verherrlichungsfeier für Nazis und ihre Helfer" zu werden drohe. Absagen von Eingeladenen mehrten sich. Auch Karl-Heinz Schneider, Vorsitzender der DGB-Kreisgeschäftsstelle Neu-Ulm, winkte demonstrativ ab. Sein Wunsch sei gewesen, des in Ulm geborenen Fliegerhauptmanns Köhl zu gedenken, der vor 50 Jahren zusammen mit Baron Günther von Hünefeldt und dem irischen Major James Fitzmaurice als erster den Atlantik in Ost-West-Richtung überflog, nicht aber Personen, die "sich während des Faschismus durch Wort und Tat zu dem Unrechtssystem bekannt haben".

Verbitterte Stimmen meldeten sich auch in den Leserbriefspalten der Lokalpresse. "Ist das Schamgefühl in diesem Land ausgestorben?" fragte eine Leserin. "Nur dann ist es zu begreifen, daß offizielle Vertreter einer Stadt oder Partei sich mit dem Chefpiloten Hitlers an einen Tisch setzen,"

Ex-Führer-Pilot und Ehrengast Hans Baur saß derweil noch daheim im bayerischen Herrsching und gab Telephoninterviews. Er war linientreuer Nazi, trat bereits 1921 in die Partei ein. Baur flog Hitler schon auf den Wahlkampfreisen und bis zum Kriegsende. "Ich war zwölf Jahre Chefpilot Hitlers. Das galt als belastend, aber es macht mir nichts aus – ich komme", teilte der 81jährige vor der Veranstaltung, mit. Und OB Biebl, mit Zustimmung des zuständigen Gemeindeausschusses bedacht, frohlockte: "Was für ein irrer Werbegag für Neu-Ulm!"