Von Peter Pawlik

Ein Assistent der Anglistik, der dabei ist, sich zu habilitieren, stimmt hoffnungsvoll. Ein Mann, der Assistent der Anglistik war und nun dreimal in der Woche "regen Anteil am Kulturleben der Stadt" nimmt, weil an diesen Abenden seine Frau Besuch von einem Unbekannten erhält, hinterläßt eine miserable Stimmung. Der Assistent heißt Jung, und erzählt wird, wie sein Wunsch, zu leben und sich zu entfalten herausoperiert wird –

Andreas Höfele: "Die Heimsuchung des Assistenten Jung", Piper Verlag, München, 1978; 145 S., 19,80 DM.

Die vom Famulus Wagner apostrophierte "holde Kraft, die aus dem Innern dringt", versiegt bei diesem Assistenten Jung; die Umwelt wird zum übermächtigen Faktor, der ihn zerstört. Jung verliert die Fähigkeit, sich zu wehren, selbst Faktor zu sein. Alpträume kann er nicht mehr ausgleichen, Wahnvorstellungen nicht mehr vergessen.

Der Leser liest eine Geschichte, in der ein fieser Schulfreund des Assistenten vorkommt, ein cleverer Maler und sein Modell auftauchen, Partys und Festchen gefeiert, Einladungen absolviert, Nachtclubs besucht werden, aufs Land zu Bekannten gefahren wird. Der Schulfreund erpreßt den Assistenten, der Freund des Schulfreunds boxt ihn gelegentlich nieder, der Assistent schläft mit dem Modell des Malers und verschweigt es seiner Frau, und der fiese Schulfreund Stegmaier fällt in einen leeren Aufzugsschacht. Während dieser Vorgänge und mit diesen Vorgängen erstarrt die Fähigkeit des Assistenten, an seiner Habilitationsschrift zu arbeiten. Sie taut für einige Monate, da er den in den Aufzugsschacht gefallenen Stegmaier für tot halten muß wieder auf, rinnt aber dann restlos weg. Jung erstarrt unter Krämpfen und panischen Ängsten, als er den Stegmaier plötzlich auf einer Münchner Straße sieht und kurz danach, auch noch mit seiner Ehefrau, im Englischen Garten. Auch physisch erstarrt Jung am Schreibtisch, vor sich Schreibzeug und weiße Blätter. In der Klinik wird er zu ichloser Harmlosigkeit und Schmerzlosigkeit kuriert. Er geht dem Unbekannten, der seine Frau besucht, dezent aus dem Weg und fährt auch mal aufs Land, wenn er Anzeichen dafür hat, daß der Unbekannte sich für den Sonntag angesagt hat.

Das ist das zweite Buch des achtundzwanzigjährigen Schriftstellers und Anglisten Andreas Höfele. Sein erstes, "Das Tal", ist 1975 erschienen. Darin quartiert sich ein Beamter in einer brutal scheußlichen Umgebung ein, um einen anderen Mann zu beobachten, der sich durch eine Anhäufung entsetzlicher Lebensumstände zu Tode zu bringen sucht. Beide Bücher sind gleich kurz und gleich lapidar. "Das Tal" hat Höfele Vergleiche mit Poe, Gogol und Kafka eingetragen – einige Kritiker machen, aus ihren Assoziationen sehr rasch Vorläufer-Nachfahre-Verhältnisse. Mich erinnert dieses "Tal" an die von Thomas Bernhard vorgeführte Steiermark: diese kalte Blutigkeit des Existierens. Man tut Debütanten auf diese Weise aber Unrecht, es sei denn, ihre Begabung bestünde in der Nachempfindung.

"Die Heimsuchung" ist weniger hart, macht weniger Aufhebens vom eigenen Trauma, ist ohne Überanstrengung des Mitteilungsbedürfnisses. Sie vermittelt das Gefühl, das Leben – das Leben dieses Jung, aber auch andere Leben – sei eine einzige taube Stelle, sei Watte, ein grauer, nicht hellwerdender Tag. Die Erzählung ist, unter anderem, eine klinische Studie, aber die grauen Gespenster sind nicht die Gespenster allein des Jung: Sie setzen sich dem Leser schwer in den Nacken.

Ratlos machen Erzählduktus, Sprache und Temperament der Erzählung. Alles wirkt schon im ersten Anlauf bewältigt. Vorgetragen wird mit leiser, nüchterner, Stimme, wobei die Zäsur setzenden Neueinstiege ("Ein Monat verging, ohne daß etwas Außergewöhnliches ...", "Doch dann, an einem trüben Tag im September") auf provozierende Weise wahllos sind. Man wünscht sich geradezu die zu große Hand, die zu heftig zulangt, den zu anspruchsvollen Impuls, der sich selbst hinterherhetzen müßte. Der Prozeß, der geschildert wird (und wer, der beobachten gelernt hat, hat das nicht schon bei sich selber beobachtet, das Aufhören bei lebendigen Leib, das Zuendegehen?), ist in einer erbosend säuberlichen, dünnfließenden Sprache beschrieben. Der Leser bekommt seine Atempausen, seine Mutmaßungen, sein Nichtwissen und die Aufklärung hinterher ordentlich geliefert sowie auch die zwei oder drei Punkte, zu denen er dann keine Erklärung mehr bekommt. Insofern ist hauptsächlich dieser Autor gespenstisch, der mit seinem zweiten Buch sein erstes monoman fortsetzt. Daß hier einer grauenhafte Ängste formuliert, aber wie schrei-los, ohne ihr Chaos, wie in Glas gefangen und erstarrt, ist evident. Aber Höfeies Grauen hat so viel schriftstellerische Ordentlichkeit, hat so viel Augenmaß. Die Geschichte von diesem Assistenten Jung ist bedrohend, aber nicht mobilisierend. Sie lähmt.