Ein Buch zur rechten Zeit – ein ebenso amüsantes wie lehrreiches Kompendium, zum überwiegenden Teil in Dialogform gehalten: auf Problem-Erhellung und nicht auf sogenannte Lösungen bedacht, gut formuliert also und stoffreich Zugleich. Literaturgeschichte, Literaturkritik und Literatursoziologie; Wirkungs-Betrachtung, Publikums-Analyse, Gattungs-Darstellung (Textkritik nicht zu vergessen): Jeder Bereich wird in "offener", schon im Ansatz auf alle Apodiktik verzichtende Manier vorgeführt – und zwar komparatistisch: Sappho, Cervantes und Tasso original (mit angefügten Übersetzung gen) zitiert.

Das Grundprinzip der gelehrten Dialoge und Essays, fünfzehn an der Zahl; Fragen zu stellen, sie in sokratischer Manier zu verdeutlichen und mit Hilfe exemplarischer Analysen vorläufig zu beantworten – in einer Weise, die dem Leser verdeutlicht, daß die Diskussion weitergeht und er, der weniger als Rezipient denn (potentieller) Produzent angesprochen wird, das Seine zur Beförderung des Dialogs über das Wesen, die Aufgabe und die Möglichkeit von Literatur dazutun möge.

Wenn die Absurdität eines strikten Reglements auf dem Feld der Literaturwissenschaft, um als solche erkannt zu werden, noch eines Entlarvungsinstruments bedurft hätte, dann bietet dieses Buch ein solches Handwerkszeug: Wie wenig Abfragbares, im Reich der helles lettres, welche Fülle von Alternativen!

Wenn auf der anderen Seite die Gefahr, das Phänomen "Literatur" durch allgemeines Gerede aus dem Blick zu verlieren, eine Verdeutlichung nötig hätte, dann tut das Buch auch in diesem Fall seinen Dienst: Wie viel ist zu wissen, was muß aufgeboten werden, von der Methoden-Kenntnis über die Beherrschung der Realien bis hin zur "ars interpretandi", um ein paar Gedichtzeilen oder einen Abschnitt aus einer Parlamentsrede angemessen zu analysieren ... den Text mitsamt seinem Kontext!

Ein Buch Zur rechten Zeit, in der Tat: Es zeigt, daß Literatur Erkenntnisse vermittelt – Literatur, in Walter Benjamins Sinn als "Organon der Geschichte" betrachtet die auf keine andere Weise zu gewinnen sind.

Es zeigt aber auch, wie schwierig und anspruchsvoll diese von Ignoranten so oft als unseriös verschriene Disziplin ist: Ohne die Dreiheit von Reflexion, Polymathie und Neugier kommt einer, wie das Kompendium mit den wenigen Seiten und den Verweisen auf ganze Bibliotheken bezeugt, nicht einmal in die Vorhöfe hinein, geschweige deen ins innere des Tempels.

Literaur, eine Nebensache? Jawohl, das ist sie – und als solche ein Hauptgeschäft! Nachzulesen bei Brackert, Lämmert & Co. (FT 6327, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt, 1978; 382 S., 10,80 DM.) Walter Jens