Von Marlies Menge

Bisher wurde bei uns nur hinter vorgehaltener Hand darüber gesprochen: über den Freikauf von DDR-Häftlingen durch die Bundesrepublik. Selbst westdeutsche Sensationsjournalisten hielten sich an die von der DDR geforderte Diskretion, um weitere Transaktionen dieser Art nicht zu gefährden. Da mußte erst Michel Meyer kommen, französischer Fernsehkorrespondent in Bonn, um die bisher geübte Diskretion zu durchbrechen.

"Freikauf"; Paul Zsolnay Verlag, Wien/Hamburg 1978, 219 Seiten, 28,– DM.

Ein schlimmes Buch. Schlimm wegen der darin beschriebenen Realitäten. Denn es ist schlimm, wenn ein Staat, sprich DDR, Menschen zum Kauf anbietet; schlimm, wenn ein anderer Staat, sprich Bundesrepublik, sie kauft, wie wirtschaftlich und politisch vernünftig es für den einen, wie menschlich es für den anderen Staat auch sein mag.

Schlimmer wird das Ganze noch durch die Art, in der es beschrieben ist. Da wird zum Beispiel eine freigekaufte DDR-Ärztin mit dem Bus von Ost nach West gefahren. "Dagmars Hand streicht beinahe liebkosend über die Rückenlehne des brandneuen Sitzes vor ihr." Und im Westen angelangt: "Den wirklichen Geschmack von Freiheit empfindet Dagmar erst, als sie gierig den Milchkakao trinkt", nachdem sie in den Zeilen davor bei der ersten "freien" Zigarette jenen Freiheitsgeschmack offenbar vermissen mußte.

Dabei hätte der Autor so etwas gar nicht nötig. Die Geschichte des deutsch-deutschen Handels mit Menschen ist auch ohne dies spannend wie "Der dritte Mann". 1963 fing es an. Da empfing Axel Cäsar Springer den damaligen Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, Rainer Barzel. "Er war Mitglied der Hitlerjugend und diente dann während des ganzen Krieges ehrenhaft in der Luftwaffe." Will Meyer damit Barzel reinwaschen oder diffamieren? Von sicher unfreiwilliger Komik ist seine Beschreibung des Gesprächspartners Springer: "Das Gesicht unter dem dichten, aschblonden Haar ist das eines Nordländers, der allzulange die Maske eines römischen Tribunen getragen hat." Springer eröffnete damals dem verblüfften Minister, daß nach seiner Information die DDR bereit sei, gegen D-Mark mehrere tausend in der DDR Inhaftierte in den Westen zu lassen. Adenauer gab grünes Licht für das Geschäft. Die große Zeit der beiden Verhandlungspartner, Rechtsanwalt Jürgen Stange aus West-Berlin und Rechtsanwalt Wolfgang Vogel aus Ost-Berlin, begann.

Der Anfang klingt wirklich abenteuerlich: Barzel unterzeichnet einen Kassenschein über 360 000 Mark, Ludwig Rehlinger, ein Unterhändler Barzels, fliegt mit dem Schein nach West-Berlin, läßt sich dort an der Kasse der Behörde des Bevollmächtigten der Bundesrepublik das Geld auszahlen. Mit der Hälfte davon fährt er zur ersten östlichen U-Bahn-Station, Bahnhof Friedrichstraße, wirft dort dem West-Berliner Anwalt Stange den Umschlag mit den 180 000 Mark in den anfahrenden U-Bahn-Zug, der ihn sechshundert Meter weiter seinem östlichen Kollegen Vogel übergibt. So Michel Meyer.