Von Manfred Sack

Seit fünf, sechs Jahren kann man dem langen, dünnen Künstler in seiner handgemachten Kleidung immer wieder auf Kölner Einkaufsstraßen begegnen: einem bärbeißigen, empfindsamen Mann, der nach einem zweijährigen Ausflug ins kalifornische Großfamilienleben der Hippie-Epoche zum Lästerer der bürgerlichen Kultur geworden war und seitdem dagegen angeigt. Denn Klaus von Wrochem ist ein Geiger mit klassischem Rüstzeug. Wenn er sein Instrument mit einem kurzen, dicken, grob bespannten Rutenbogen virtuos traktiert, ist er freilich nicht zuerst Musikant, sondern ein Agitator, der seine bitteren Botschaften den Leuten mit schrillem Geigenklang injizieren möchte. Was hier wichtig ist: daß er der erste war, der ein als zartbesaitet geltendes Instrument in den Straßen-Rock eingeführt hat – mit borstigen akkordischen Tremoli, tanzenden Staccati, verzweiflungsvoll singenden Melodiefiguren. Seine Schallplatte (Klaus der Geiger: "Arbeit macht frei"; Bluff Records BF 1010) ist inzwischen fünf Jahre alt und so frisch wie zuvor.

Allerdings liegt das nicht bloß an den ruppigen, beileibe nicht überholten Texten seiner angriffsfreudigen Songs, sondern auch an der Virtuosität des Geigenspiels und an der Virtuosität der Tonbildung. Bei keinem Rock- oder Jazzinstrument ist das so wenig wichtig wie beim Klavier – bei keinem ist es eine so deutliche Voraussetzung wie bei der (viel schwierigeren) Geige. Schon aus diesem Grunde gibt es abseits von der "ernsten Musik" so wenige hervorragende Violin-Solisten wie im Jazz, die imstande sind, auf dem Fundament einer sicheren Spieltechnik einfallsreich zu improvisieren, kurz: sich frei auszudrücken.

Natürlich gibt es noch andere Gründe, die der Geige den Eingang in die Jazzbands so lange versperrt, wenigstens erschwert haben, zum Beispiel die Fiktion, daß sich der zarte Saitenklang im Blechgeschmetter nicht recht behaupten könne – eine Stilfrage also auch. So passiert es, daß die alten Heroen des Jazzgeigenspiels immer noch als Pioniere gefeiert werden, wenn sie auftreten: Joe Venuti zum Beispiel, der 1904 geborene "Daddy of the Violin" (wie ein Schallplattentitel ihn nennt) mit seinem gestochen klaren, frischen, behenden Spiel; oder der vier Jahre jüngere, aus Paris gebürtige Stephane Grappelli, der elegant phrasiert und einen warmen, verbindlich klingenden, ausdrucksvollen Ton hervorbringt (und der mit Yehudi Menuhin, dem Kollegen von nebenan, auf zwei Schallplatten herzerfrischend duettiert hat); oder der in München gestorbene Amerikaner Stuff Smith (1909–1967), der seiner Geige teils ganz ungewohnt derbe, teils aber auch sehr "gütig" wirkende, wunderschön singende Klänge abverlangte und damit an eine lebensweise gewordene Diseuse erinnerte, die mehr die Hintergründe als die bloßen Worte singt. Er war wohl auch der erste Geiger, der sein Instrument elektrisch verstärkte und damit einen wichtigen, jedenfalls modernen Parallelweg für die Jazzgeige eröffnete.

Bis heute werden beide Arten, die Geige zum Klingen zu bringen, gepflegt, das zeigen auch vier unlängst erschienene Platten mit dem zweiundzwanzigjährigen Zigeuner Titi Winterstein vom Häns’che-Weiss-Quintett, dem Franzosen Jean-Luc Ponti und den Polen Zbigniew Seifert und Michal Urbaniak.

Ponti ist der hörbar souveränste unter den drei Elektronik-Geigern. Sein Spiel ist kraftvoll und forsch, betont figurenreich, nicht selten aggressiv. Seine wilden Läufe provozieren manchmal das Bild von aufgescheuchten Spatzen, die, zu Tode erschrocken, aufflattern und sich in scharfen Kurven oder Loopings zu retten versuchen – bis sie merken, daß alles bloß Spaß war. Das Glanzstück dieser Platte "Enigmatic Ecean" (WEA/Atlantic ATL 50 409) ist das Titelstück über den "rätselhaften Ozean", eine viersätzige Jazz-Rock-Suite. Pontis Combo übrigens ist durchelektrifiziert: Geige, Gitarre, Baß, Klavier, Orgel – nur das Schlagzeug ist "akustisch" und das Klavier, sofern das Wort "nostalgisch" im Titel verwendet wird.

Viel weniger als dort dominiert der Geiger Zbigniew Seifert in seinem Quintett gleichberechtigter Musiker, darunter der außerordentlich spielgewandte Joachim Kühn und der Bassist Cecil McBee: "Man of the Light" (MPS 68.163). Ihr Jazz reißt nicht schon durch bloßes Tempo mit; er ist nervig, mitunter diffizil verknäuelt. In ein paar Passagen, besonders jedoch in zwei Duetten erinnert Seifert mit offenbarer Lust an seine strenge Schule in Krakau: Zusammen mit dem Baß, mehr aber noch mit dem E-Piano wird er ("klassisch"-)romantisch; nur noch ein Abglanz von Jazz ist in diesen rhapsodischen Träumereien spürbar.