Von Peter Fuhrmann

Was den Pianisten Rudolf Serkin groß und den Menschen als besessenen Diener an seiner Sache bescheiden machte, war die Kammermusik. Sie zählt zum Differenziertesten und zugleich Uneitelsten, das die Musik zu bieten hat. Ganze siebzehn Jahre wäre Serkin alt, als ihn der damals 30jährige Geiger Adolf Busch gewissermaßen zum Ritter schlug: als zufällig aufgegriffenen Begleiter der Konzerte in Wien und Berlin.

Serkin war schon damals so stabil, daß er bei seinem Berliner Debüt den stürmischen Beifall des Publikums als Aufforderung auffassen konnte, sich eine angemessene Zugabe zuzumuten: Bachs „Goldberg-Variationen“, die eine knappe Stunde dauern – es war sicher die längste, die es je gegeben hat. Das Dritte Reich vertrieb ihn in die USA, wo er 1936 zum erstenmal auftrat und zwei Jahre später von Toscanini die „höheren Weihen“ erhielt. Ein Star wurde er nie, sicher aber zur Legende. Als einer der letzten verkörpert er die klassisch-romantische Tradition.

Ende des vergangenen Monats wurde Rudolf Serkin 75 Jahre alt. Pünktlich zum Fest erschien seine Plattenfirma mit einem stolzen Präsent: „Rudolf Serkin live at Carnegie Hall“ (Haydn: Sonate Nr. 49 Es-dur/Mozart: Rondo a-moll KV 511 / Beethoven: Sonate Nr. 26 Esdur op. 81a „Les Adieux“ / Schubert: Sonate B-dur op.-posth. D 960; CBS 79 216).

Wer nichts von der Flickarbeit in sterilen Studios hält, bei denen mancher, der sich für ein Genie hält, mühsam Take für Take zusammenschustert, bis die Konserve zu ihrem zweifelhaften Recht gekommen ist – wer also dem unmittelbaren Live-Ereignis den Vorzug gibt, findet in Serkins Doppelalbum eines der besten Produkte, die auf diese Weise zustande kamen.

Auch in diesem Falle wird man sich ein wenig einhören müssen, um das durch zu nahe Mikrophon-Aufstellung häufig etwas zu sehr Vergröberte zu eliminieren. Das Ohr paßt sich schnell an und überspringt dabei gern Serkins Pedalstampfen, Brummen, Grunzen (oder Bei canto, wenn er’s besonders schön machen möchte).

Manchen wird die Stil-Auffassung der Haydn-Sonate verblüffen, wenn nicht gar zu vorschnellem Negativurteil verleiten. Serkin spielt sie aus der Perspektive Beethovens: mit vielen Verzögerungen und kernigem, keineswegs sentimentalisiertem oder zimperlichem Zugriff. Von Rokoko-Duft hält er offenbar wenig. Eher Schroffes kommt in seiner; Auslegung zum Vorschein, was aber nie auf Kasten des sensiblen Ausdrucks an anderer Stelle geht.