Von Hans jakob Stehle

Rom, im April

Nur in Diktaturen verkörpert ein einziger Mann das System – und nicht einmal – dort steht und fällt es mit ihm. Solche Erkenntnis hat kühldenkenden Tyrannen-Mördern oft den Arm gelähmt, aber sie hat die Verfechter politischer Wahnideen nie daran gehindert, ihre Feindbilder auch dann auf einzelne Menschen zu projizieren, wenn diese mit dem Willen der Mehrheit, ja im Einvernehmen mit legalen Gegnern ihre Führungsfunktionen ausüben. In diesem Sinne entstammt das "Todesurteil" der italienischen Roten Brigaden gegen den Christdemokraten Aldo Moro – dessen Ermordung am Dienstag dieser Woche sogar schon für möglich gehalten wurde – der puren Menschenverachtung. Die Terroristen sehen in Moro die personifizierte Feindwelt – Gesellschaft, Staat, Parteien.

Diese Zwangsvorstellung hat sich bei den Roten Brigadisten, die Aldo Moro vor fünf Wochen entführt hatten, noch verhärtet, als sie schließlich den Adressaten ihrer Kommuniqués eingestehen mußten, daß es die Geheimnisse, die sie ursprünglich aus Moro herauspressen wollten, buchstäblich "nicht gibt", daß das "Verhör" Moros nur die längst bekannte (und gewiß nicht lupenreine) Geschichte der italienischen Demokratie der letzten dreißig Jahre zum Vorschein bringen konnte. Wie aber war dann der "mystifizierende Schleier formaler Demokratie von dem Regime zu reißen", das – wie die Terroristen schrieben – "mit der Komplizenschaft der sogenannten Linksparteien" von den Christdemokraten errichtet worden sei? Etwa nur durch einen fast ritualen Mord an der Symbolfigur?

Das Verbrechen an Moro hat die Grenze deutlich gemacht, auf die der Terrorismus gerade in Italien stößt. Nicht die wohlbekannten Schwächen des Staates und seiner Führungsschicht, sondern ein fundamentaler Irrtum der Terroristen wurde enthüllt: ihr Irrglaube an eine "revolutionäre" Situation oder auch nur an deren Machbarkeit. So unzufrieden die Italiener mit ihrem Staat und ihren Volksvertretern sind, so verdrossen, ja wütend sie Mißwirtschaft und Ungerechtigkeit anklagen, so gleichgültig sie das Schicksal der "classe politica" selbst dann lassen kann, wenn ein Menschenleben auf dem Spiel steht – sie lassen sich dennoch nicht auf die Bürgerkriegs-Barrikaden einer noch ungewisseren Zukunft treiben. Nicht einmal dann, wenn sie alle Hoffnung verloren hätten. Schon einmal hat sich die Masse der Italiener – ähnlich den Deutschen – noch eher mit einer "Ordnungsdiktatur" abgefunden als daß sie ihre Hoffnung auf anarchischen Umsturz oder gar auf die Geburt der Utopie aus dem Chaos gesetzt hätte.

In dieser Neigung könnte auf lange Sicht eine Gefahr für Italiens demokratischen Bestand liegen. Dann nämlich, wenn die großen Parteien, denen die italienischen Wähler trotz allem (und oft gegen das eigentliche Credo) ihre Stimme geben, endgültig versagen, wenn sie jeden Kredit verlören. Und dies geschähe gewiß, wenn sie die Atempause, die ihr jüngster, am Tage der Entführung Moros besiegelter Kompromiß ihnen und dem Lande verschafft hat, nicht nützten.

Auch in diesem Punkt ist aber die Fehlrechnung der Terroristen schon mit Händen zu greifen: Das Schicksal Moros läßt alle, vor allem Kommunisten und Christdemokraten Italiens, nur noch enger zusammenrücken. Auch sachlicher, illusionsloser – jenseits "eurokommunistischer" Verheißungen? Es gibt Anzeichen dafür. Die Kommunisten entdeckten auf ihrer Zentralkomitee-Sitzung dieser Woche selbstkritisch, daß der Feind auch links stehen kann. Und die Christdemokraten gestanden, daß ihre Irrtümer, vor allem ihre sozialpolitischen Versäumnisse, den Humus bereiten halfen, auf dem der Terrorismus tiefer als anderswo Wurzeln schlug.

In welchem Sinne aber wird "das Leben Italiens nach dem 16. März nicht mehr so sein wie vorher"? Steckt hinter dieser Prophezeihung des christdemokratischen Fraktionsvorsitzenden Piccoli mehr als Trauer und Ratlosigkeit? Schon am Tage der Entführung Moros war zu ahnen, daß das Zeitmaß, das dieser Stratege für die Bewältigung der "kommunistischen Frage" gesetzt hatte, nicht mehr zu halten sein würde; ebensowenig wie Berlinguers langfristige, allzu verschwommene Vorstellung vom "historischen Kompromiß". Alle Formeln sind jetzt hohler denn je. Was zählt ist solidarisches Handeln – ohne Frage nach dem ideologischen Text. In diesem Sinne gibt es eine vage Hoffnung, daß Moros grausames Geschick das demokratische Italien zur Besinnung bringt.