Nachdem der spanische Film auf dem Berlin-Festival mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde, steht er jetzt im Zentrum des Interesses. Man spricht von der "Stunde Null" oder liest den triumphierenden Titel: "Der spanische Film beherrscht die Welt." Die internationalen Auszeichnungen der letzten Jahre fielen recht großzügig an spanische Cineasten, deren Qualität und Kreativität bei geringem finanziellen Einsatz Bewunderung weckten. Die Produktionskosten liegen hier zwischen etwa 250 000 bis 500 000 Mark (jeder US-Film kostet fast zehnmal soviel). Der jetzige Spielplan verschafft dem Besucher einen guten Überblick: der letzte Film Buñuels "Ese oscuro objeto del deseo" ("Dieses dunkle Objekt des Verlangens") ist eine neue Variation seiner konstanten Themen: die Bourgeoisie mit ihren sexuellen Obsessionen, dekadenten Manien und ausgehöhlten Formen. Der Einfluß Buñuels auf den neuen spanischen Film ist unverkennbar; so auch bei dem in Berlin gezeigten Streifen "Las Truchas" ("Die Forellen") von J. L. Garcia Sanchez, dessen Symbolik unübersehbar ist: die Gesellschaft vergiftet sich lieber, statt sich zu verändern, die Katastrophe ist unvermeidbar. "A un dios desconocido" ("Für einen unbekannten Gott"), von J. Chavarri evoziert die Erinnerungen eines alternden Homosexuellen an sein prägendes und unvergeßliches Kindheitserlebnis, die Begegnung mit Lorca. Beide Filme wurden von Elias Querejeta, einer Schlüsselfigur im spanischen Film, produziert. Er schrieb auch an den Drehbüchern mit und zwang ihnen eine Einförmigkeit auf, die jetzt oft kritisiert wird.

Mehrere spanische Filmemacher setzen sich mit der unmittelbaren Vergangenheit auseinander und collagieren Dokumente, Interviews und Kommentare. Ergebnis sind beeindruckende, beklemmende Filme wie Patinos "Caudillo", G. Herraldes "Raza, espiritu de Franco" ("Rasse, der Geist Francos") und jetzt "Porque perdimos la guerra" ("Warum wir den Krieg verloren") von D. Abad de Santillan. Die anarchistische Gewerkschaft CNT produzierte den Streifen und benutzte bislang unbekanntes Filmmaterial. Der Regisseur erklärte in einem Interview: "Ich wollte nicht unparteiisch sein und auch nicht Beweggründe der Faschisten aufzeigen: wir kennen sie alle. Ich will Partei ergreifen, denn angesichts solcher dramatischer Ereignisse kann ich nicht bloß zuschauen." Das spanische Kino ist voller Dynamik: für Cannes kandidieren bereits acht neue Filme, darunter "Los ojos vendados" ("Verbundene Augen") von C. Saura und "Ecopeta nacional" ("Nationalflinte") von L. Berlanga.

Das traditionelle Musikleben (Oper-Konzert) blieb bislang vom Wandel der Institutionen ausgeklammert. Aber jetzt drängt man überall auf rasche Veränderungen und will obsolete Strukturen sprengen, denn die Musik ist bislang Privatbesitz: im Teatro Real in Madrid sitzt der wohlhabende Melomane auf dem eigenen Stuhl; als Mitglied der "Opernfreunde" zahlt er zum Beispiel für das 1. Abonnement einer Loge in der Zarzuela des jetzt beginnenden 15. Festivals (vom 21. 4.–19. 6., insgesamt neun Inszenierungen) etwa 2500 Mark. In Barcelona gehört der Palau de la Musica, ein faszinierender modernistischer Bau, den Gründermitgliedern, die weiterhin darüber bestimmen, wer im Palau auftreten darf oder nicht. Und in der altehrwürdigen Oper, dem Liceo, 1847 gegründet, einem der fünf bedeutendsten und größten Opernhäuser der Welt mit 5000 Plätzen, gibt es Logen im Erbfamilienbesitz und einen Dienstboteneingang für den vierten und fünften Rang. Aber die Großbourgeoisie Barcelonas wurde kürzlich in ihrem Kunstgenuß aufgeschreckt: Eier auf Nerzmäntel, zerstochene Reifen in den Luxuslimousinen, ein paar faule Tomaten verleideten ihnen den Besuch, das Liceo blieb leer und schlitterte in das größte finanzielle Desaster. Der Unternehmer Pamies, der die Oper seit 31 Jahren leitet, hatte bereits im Juli 1977 seinen Rücktritt angekündigt, falls seine Reformvorschläge nicht akzeptiert werden: kein fester Spielplan, keine feste Anzahl von Vorstellungen pro Woche, größere Flexibilität. Noch findet, wie jedes Jahr, das internationale Ballettfestival statt (vom 4. 5.–26. 5.), aber ob und in welcher Form die neue Spielzeit im Herbst beginnen wird, weiß vorläufig niemand.

Am 23. April feiert die Stadt Barcelona das Fest ihres Schutzpatrons. An diesem Tag quellen die Ramblas über von Rosen- und Bücherständen, in denen zahllose Besucher bis in die Nacht vorbeiflanieren: mit Buch und Rose in der Hand. In diesen Tagen erscheinen auch die wichtigsten Frühjahrspublikationen. Alle Bücher werden am 23. März mit 10 Prozent Rabatt verkauft, der Erlös eines Tages entspricht etwa einem Viertel des Jahresumsatzes. Ein Volks- und Buchfest zugleich. Michi Strausfeld