Von Hans-Hagen Bremer

Josef Ertl hat einen neuen Freund? Er heißt Christopher Samuel Tugendhat und ist für die Finanzen der Europäischen Gemeinschaft (EG) zuständig. Der britische Konservative, den Kommissionspräsident Roy Jenkins selbst für den Posten an der Spitze der Gemeinschaftsbürokratie aussuchte, scheint auf Bonns Ernährungsminister wie ein rotes Tuch zu wirken. "Wenn sein Name fällt", so witzelte man jüngst in Ertls Umgebung, "steigt der Blutdruck des Ministers."

Das ist verständlich. Denn jedesmal, wenn im Ministerrat der EG mit dem Frühling auch das alljährliche Tauziehen um die neuen landwirtschaftlichen Garantiepreise anhebt, ist Ertl im Streß – und reagiert auf Kritik besonders gereizt. Unter dem Druck der heimischen Bauern-Lobby muß der Agrarminister nämlich wieder einmal höhere Mark-Preise für seine Schäfchen fordern als ihm seine europäischen Kollegen konzedieren wollen. Die Chancen für einen Kompromiß sind diesmal noch dünner als in früheren Jahren. Ertl: "Kaum noch möglich, wenn nicht unmöglich, weil der Agrarmarkt nicht funktionieren kann, wenn die allgemeine Ökonomie nicht funktioniert."

Daß er in dieser schwierigen Situation unter zusätzlichen Beschuß durch den über den EG-Haushalt wachenden Tugendhat geraten ist, hat Josef Ertls Kampfeslust freilich erst gestärkt. Anläßlich einer "Grundsatzerklärung" zum Auftakt der Agrarpreisgespräche schaffte Ertl seinem aufgestauten Ärger Luft.

Tugendhat hatte Anfang März die Sünde begangen, den Deutschen einige agrarpolitische Tatsachen unter die Nase zu reiben. In einer Rede in München hatte Tugendhat zur hierzulande gängigen Kritik an den wachsenden Ausgaben der EG gesagt, "daß die Bundesregierung selbst einen großen Teil der Verantwortung dafür trägt, daß die Ausgaben für die gemeinsame Agrarpolitik weiterhin unbarmherzig steigen und daß die deutschen Landwirte zu den Hauptnutznießern gehören".

Die "massive Fehlleitung volkswirtschaftlicher Ressourcen", wie Bundeskanzler Helmut Schmidt die durch Butterberg, Milchpulverhalde, Weinsee, Rindfleisch- und Zuckerüberschüsse verursachte Kostenlawine einmal genannt hatte, gehe zu einem beträchtlichen Teil auf das Konto der deutschen Landwirtschaft. Denn 73 Prozent der in der EG eingelagerten Butterbestände und 61 Prozent der Vorräte an Magermilchpulver, auf die ein Drittel der EG-Agrarkosten entfallen, befinden sich, wie Tugendhat seinen Zuhörern mitteilte, in der Bundesrepublik. Zu den Überschußsünden der deutschen Bauern zählten auch 22 Prozent des seit 1973 mit EG-Geldern gekauften Rindfleischs.

Die Kritik, die sich Tugendhat ausgerechnet in der Höhle des Löwen herausnahm, brachte Bonns Agrarpolitiker in Harnisch. Über die Pressestelle seines Ministeriums ließ Josef Ertl amtlichen Groll verbreiten: Tugendhats Vorwürfe seien ein Versuch, nicht den Ursachen der agrarpolitischen Schwierigkeiten in der EG auf den Grund zu gehen, "sondern einen politischen Buhmann zu suchen". Und seitdem bekommt der Ketzer aus Brüssel, wo immer sich die Gelegenheit ergibt, den Spott des Bayern zu spüren. So stichelte Ertl, als er auf der Luxemburger Tagung des Agrarministerrats über die Folgen des Währungsdurcheinanders für den EG-Agrarmarkt sprach, gegen seinen nicht anwesenden Kritiker: "Das alles hat dieser Haushaltskommissar offenbar noch nicht gemerkt..."